#Back_to_Life - Team: 1000. Kinder werden gesund und sicher in den Bergen des Himalayas geboren

 Foto: Back to Life
Am 21. März 2019 wurde das 1.000te Baby in einem von Back to Life errichteten Geburtshaus in Mugu, Nepal, geboren. Der kleine Junge wurde auf den schönen Namen Vrikah getauft, welches in Sanskrit “Wolf” bedeutet. Bei der Geburt gab es keinerlei Komplikationen und der Kleine brachte ein stolzes Gewicht von 3.200 Gramm auf die Waage. Die Eltern des Jungen, Harini und Kal, kommen aus dem Dorf Bamkada in Mugu, welches ca. drei Stunden zu Fuß von Seri entfernt ist. Der lange Weg hat sich für die beiden jedoch mehr als gelohnt. Sie waren sehr zufrieden und glücklich mit der umfassenden Betreuung in dem Geburtshaus. Vrikah ist nun eines von 1.000 Kindern in Mugu, die unter professioneller Betreuung geboren wurden.

Dies war bis vor ein paar Jahren noch kaum denkbar. Back to Life freut sich sehr, dass dieser wundervolle Meilenstein in Mugu erreicht werden. Wir danken allen, die unseren Verein dabei unterstützt haben. Die Geburtshäuser von Back to Life (mittlerweile sind acht in Betrieb und fünf weitere befinden sich im Bau / Planung) wirken der unten geschilderten Problematik entgegen. Die Geburtshäuser werden gemäß den Richtlinien des „Safe Motherhood Programms“ der nepalesischen Regierung betrieben. Die dort stationierten Hebammen sind in der Lage, Obstetrik, Neonatalversorgung und Wochenbettbetreuung effektiv durchzuführen und Komplikation frühzeitig zu erkennen. Jede Schwangere erhält mindestens vier Vorsorgeuntersuchungen, gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Kinder werden in der Obhut der professionellen Geburtshelferinnen zur Welt gebracht und auch nach der Geburt werden Mütter und ihre Neugeborenen versorgt und können sich in unserem Geburtshaus für mehrere Tage erholen. Familien mit Neugeborenen werden zusätzlich mit Hygieneartikeln, wie Seife, Handtüchern und Kinderwäsche, unterstützt. Da es in Mugu sehr kalt sein kann, werden auch warme Wollmützen und Decken für die Kleinen bereitgestellt.

Hintergrund:

In Nepal sind 63 Prozent der Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren Neugeborene. Das bedeutet, dass fast 15.000 Kinder pro Jahr im ersten Monat nach ihrer Geburt sterben (Nepal Ministry of Health 2016). In 2010 verloren weltweit ungefähr 287.000 Frauen ihr Leben in Verbindung mit Geburtsschwierigkeiten – 82.000 davon allein in Südasien (WHO, UNICEF 2012). Nepal hat mit 239 Sterbefällen der Mutter pro 100,000 Lebensgeburten eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten in der Region. Die Mehrheit dieser Todesfälle wäre eigentlich leicht vermeidbar.

Der Distrikt Mugu liegt in den Bergen des Himalayas und zählt zu einem der zehn am wenigsten entwickelten Gebiete Nepals, in der sogenannten Karnali Region (UNDP 2014). Der Human Development Index von Mugu liegt unter 0,4 – dies ist vergleichbar mit Südsudan oder Niger. Die Dörfer in den Bergen des Himalayas haben kaum Anschluss an das Straßennetz oder moderne Infrastruktur. Medizinische Versorgung, Zugang zu Bildung sowie Einkommensmöglichkeiten sind mehr als begrenzt. Nur 36% der Frauen bringen hier ihr Kind in einer Gesundheitseinrichtung zur Welt. Dies liegt weit unter dem Durchschnitt des Landes und weit unter Nepals Entwicklungsziel, bis 2030 90 Prozent institutionelle Geburten zu erreichen (Nepal National Planning Commission 2017).

Hinzu kommt, dass aufgrund eines vorherrschenden traditionellen Glaubens, Mädchen und Frauen in Mugu während ihrer Periode und auch während der Geburt als „unrein“ gelten und diese Zeit nicht im Haus verbringen und auch möglichst nicht von anderen berührt werden dürfen. Dieses Ritual ist unter dem Namen Chhaupadi bekannt. Die Frauen sind somit gezwungen, ihre Kinder allein in Viehställen oder im Wald zur Welt zu bringen. Bis zu 14 Tage nach der Geburt müssen die Mütter alleine mit ihren Säuglingen überstehen. Viele Frauen erleiden dabei Infektionen, Blutungen, Lungenentzündungen, Durchfall oder Traumata. Auch Todesfälle sind keine Seltenheit. Das Chhaupadi Ritual wurde zwar von der Regierung als Verstoß gegen die Menschenrechte verboten, jedoch ist die Umsetzung der Gesetze soweit entfernt von Kathmandu sehr schwierig und noch immer haben Traditionen oft den höchsten Stellenwert (New York Times 2018, Kadariya & Aro 2015).

Die Geburtshäuser leisten einen wichtigen Beitrag zu Nepals nationalen Entwicklungszielen sowie den Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030. Insbesondere zu „SDG 3 - Ein Gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“ sowie den dazugehörigen Zielsetzungen, die globlale Müttersterblichkeit bis 2030 unter 70 pro 100,000 Lebendgeburten zu senken, vermeidbare Todesfälle von Neugeborenen und Kindern unter fünf Jahren zu beenden und universellen Zugang zu Geburtshilfe, Schwangerschaftsbetreuung und Informationen bzw. Maßnahmen zu Familienplanung zu gewährleisten.


Ihr Back to Life

Team Back to Life e.V.
Louisenstraße 117
D-61348 Bad Homburg v.d.H. Deutschland

Arno von Rosen- In Deutschland wird sehr gerne über die Servicewüste berichtet und hergezogen, doch was ist dran an dem Mythos?

In diesem Artikel bilde ich einen Zeitraum von 14 Jahren ab, nenne nur konkrete Beispiele, welche nicht repräsentativ für die einzelnen Unternehmen sein müssen, jedoch eine Richtung andeuten. Am Ende des Artikels werde ich noch ein paar Tipps zum richtigen Umgang mit Service und Reklamationen geben.

Bereits Ende der 80er Jahre habe ich sehr erfolgreich Schuhe in ganz Deutschland und auf Messen als Dekorateur präsentiert. In dieser und anderen Funktionen bin ich diverse Mal eingeladen worden, mir auch die Produktionen einiger Unternehmen anzusehen. Dies ist heute so nicht mehr möglich, da der größte Teil der Herstellung ins Ausland verlagert wurde. Dort wird dann nicht oder nur in sehr geringem Maße auf Umweltaspekte wert gelegt, weil die Kosten die entscheidende Rolle spielen. Alle "Global Player" lassen in Asien fertigen, ob hochwertig oder nicht. Zugegeben, ich habe einen Faible für gute Schuhe und gebe gerne dafür Geld aus, weshalb ich noch nie bei Deichmann & Co. eingekauft habe, auch wenn es dort Markenartikel gibt, sind diese doch von schwacher Qualität. Wir kennen alle den Spruch, "Ich bin zu arm, um Billiges zu kaufen", doch hier ist der Ursprung dieses verunglimpften Zitates

"Es gibt kaum etwas auf der Welt, das nicht irgend jemand ein
wenig schlechter machen kann und ein wenig billiger verkaufen
könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren,
werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter,
zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie
etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen,
verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die
ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel
Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen
Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen.
Wenn Sie dies tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für
etwas Besseres mehr zu bezahlen".

 John Ruskin (* 8. Februar 1819 in London; † 20. Januar 1900)

Nun, nach diesem Motto verfahre ich immer, weshalb mein Bericht sich ebenfalls um Premiumprodukte dreht. Zuerst #Sioux, Schuhhersteller. Nach drei Jahren des gelegentlichen Tragens stellte ich Risse an beiden Sohlen fest, schrieb einen Brief an Sioux, in dem ich auf die von mir gewünschte Qualität hinwies, denn immerhin kostete dieses Model damals schon etwa 110,- Euro. Zurück kam sofort ein Angebot und ein Schuh, den ich nicht mochte, jedoch ohne den alten Schuh als Beweis liefern zu müssen, ohne Telefonat und ohne Kosten, diesen Schuh wieder zurücksenden zu müssen. Ich solle auf die Homepage des Herstellers gehen, mir ein Modell aussuchen und fertig. So war dies eine sehr positive Erfahrung mit zusätzlichem Dankesschreiben der Firma für mein Aufmerksam machen auf einen Qualitätsmangel. Zugegeben, solcher Service ist selten, und ob in der Zeit der Schnäppchenjäger im Onlinegeschäft noch so verfahren werden kann ist fraglich. Die ausgetauschten Schuhe existieren heute noch und sehen aus wie ladenneu.

Irgendwann hatten wir uns entschlossen uns ebenfalls einen Kaffeevollautomaten anzuschaffen, aber wenn dies geschähe, wollten wir guten Kaffee (natürlich braucht es dafür ebenfalls hochwertige Bohnen), weshalb wir zuvor Vergleichsportale durchsuchten (die damals noch am Anfang standen und einigermaßen vertrauenswürdig waren). So kam es zu einer Jura Z5, die vor etwa 12 Jahren um die 2100,- Euro kostete. Nach drei Monaten brummte der Automat in den schillernsten Tönen und alle Versuche durch zusätzliche Dämmung und Schallabsorber Abhilfe zu schaffen, scheiterten. Wir brachten die Maschine zum Fachmarkt, welcher diese einsandte und nur eine Woche später konnten wir die Z5 wieder abholen, ohne nennenswerte Verbesserung. Genau nach zwei Jahren und zwei Monaten entschied sich das Gerät selber zu bestimmen was aus den verschiedenen Hähnen kam. Der Händler verwies auf die zweijährige abgelaufene Garantie und so wandten wir uns direkt an Jura (Niederlassung bei Stuttgart), die uns anboten gegen Geld danach zu schauen, nachdem wir auf eigene Kosten den Riesenapparat verschicken sollten. Darauf verwies ich auf die neuen Bewertungsportale und wie unangenehm eine solche Maschine im High End Bereich aufgenommen würde, die kurz nach Ablauf der Garantie ihren Geist aufgibt. Telefonisch war bei Jura niemand zu erreichen, doch wir bekamen am übernächsten Tag einen Leerkarton zugeschickt, nebst Rückporto. Versandten die Maschine und bekamen diese nur 2 Tage später zurück, ohne jegliche Kosten. Die Maschine war komplett revidiert worden, brummte nie wieder und machte bis zur nächsten Inspektion 30.000 Bezüge ohne murren, ist inzwischen bei 50.000 Bezügen und läuft einwandfrei.

Auch mein Daimler Kombi, der 80.000,- Euro beim Kauf verschlang, hatte so seine Mucken. Mal die Bremse, mal die Luftfederung und zu allem Überfluss bei rund 90.000 km versagten beide Querlenker (welche an der vorderen Achse sitzen). Der Werkstattmeister meines hiesigen Mercedes Händlers erzählte mir freudestrahlend, was ich dafür nur bezahlen müsse, da diese Teile sehr günstig bei Mercedes wären. Ich intervenierte, dass ich mir kein teures Fahrzeug kaufen würde, um dann Sachen auszutauschen, die bei viel preiswerteren Autos nie kaputt gingen. Darauf raunte mir der Meister zu, dass er wisse wo ich wohnte und dort die Straßen extrem schlecht seien, also wäre das einfach so und ich müsste es hinnehmen. Ich rief darauf hin den Vorstand in Stuttgart an und bat um Rückruf, den ich prompt bekam. Dort schilderte ich meine Verwunderung, dass Mercedes zwar in der Lage sei häufig gebrauchte Ersatzteile günstig anzubieten, doch anscheinend nicht mehr Willens Fahrzeuge für gutes Geld gut zu bauen. Ich wurde geduldig angehört, bekam zwei Tage später einen Werkstattermin, ein Ersatzfahrzeug, eine kostenlose Reparatur und einen wütenden Anruf vom Autohauseigentümer, der nur wenige Häuser von mir entfernt wohnte. Inzwischen fahre ich diese Marke nicht mehr, da ich seit nunmehr 8 Jahren komplett auf Autos verzichte, der Umwelt zuliebe und weil es gesünder ist, selbst in Bewegung zu bleiben. Natürlich gibt es nicht nur materielles Gut, sondern ebenfalls Dienstleistungen, wie zum Beispiel einen Kredit, den man prüfen und reklamieren kann.

Als Leiter einer Kreditabteilung, im Zuge der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz-Gruppe, stolperte ich über so viele eingebaute Fallen, dass ich die Kunden, die zu mir kamen, um einen Konsumentenkredit zu beantragen, zuerst einmal informierte, was bei einer Anfrage zu beachten sei (damals war es die größte Konsumerbank Europas, die Cetelem Bank). Die meisten Kunden wollten den Kredit trotzdem haben, doch einige wurden auch hellhörig und haben ihr Verhalten gegenüber Banken gründlich überdacht. Ich selber rechnete alle jemals genommenen Kredit nach und forderte die Fehlsummen zurück. Immerhin hunderte von Euro, die durch die Falschberechnung der Zinsen immer zu meinen Ungunsten ausfiel. Sich also mit Zinsberechnung zu beschäftigen, den dazugehörigen Bonuszahlungen und dem Effektivzins, kann Geld in die Urlaubskasse spülen, und die Banken legen nie wert auf Öffentlichkeit, denn wer will schon Kreditnehmer, die Zinsberechnungen nachprüfen.

Desgleichen gilt für Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox, mit denen ich die letzten 12 Jahre Geschäfte gemacht habe, immer als Vermittler zu Stromanbietern. Es ist kein Geheimnis, dass Stromerzeuger-/ anbieter nicht nur ihren zukünftigen Kunden mit einem Bonus locken, sondern ebenfalls die Vergleichsportale kassieren kräftig ab, und da liegt auch der Hase im Pfeffer. Während die Anbieter langfristige Dauerkunden suchen, um ab dem zweiten oder dritten Jahr den Bonus wieder einzufahren, möchten die Portale so viele Kunden wie möglich vermitteln, zur Not auch diejenigen, die gerade gewechselt haben. So bekommt der Kunde kurz vor Ablauf des Vertragszeitraumes einen Hinweis, sich doch durch wechseln wieder einen günstigen Tarif, sowie einen neuen Bonus zu sichern, was mindestens unschicklich ist, doch sicher im Vertragswerk zwischen Anbieter und Portal geregelt sein dürfte. Mich schrieb sogar RWE an, ob solche direkten Hinweise auf einen erneuten Wechsel stattgefunden hätten. Natürlich bieten Portale am liebsten die Unternehmen an, mit denen sich die größte Provision verdienen lässt, während andere Stromanbieter gar nicht auftauchen, trotz günstiger Preise, weil diese keine Provision zahlen wollen oder nur eine viel geringere. Es empfiehlt sich jedes Jahr einen anderen Konzern mit der Stromlieferung zu beauftragen und eine Liste der Heimgesuchten zu führen, sonst passiert es, dass Sie abgelehnt werden (ohne Gründe) oder man Sie auflaufen lässt, bis die Zeit zum Wechsel zu gering ist. Ob es schwarze Listen gibt zwischen den ganzen Stromanbietern, wo Dauerwechsler, wie ich, registriert sind, weiß ich nicht, aber bei den einzelnen Unternehmen bin ich aktenkundig, wie mir verschiedene Mitarbeiter aus dem Kundenservive anvertraut haben. Doch alleine durch das Wechseln des Stromanbieters sind in den letzten 12 Jahren angenehme 1800,- Euro zusammen gekommen, selbst bei Ökostrom!

Die Liste meiner Reklamationen ist reichlich länger und nur bei den Chinesen habe ich mir die Zähne ausgebissen, denn denen sind Reklamationen völlig egal, weil die schon ihr Geld im Voraus bekommen und Firmennamen wechseln, wie andere Leute ihre Unterwäsche, aber dies betraf nur meine Welt als Hersteller, nicht als Konsument. Schließen möchte ich mit meinem letzten Fall und weil der Kreis sich so schön schließt, sind wir wieder bei Schuhen angelangt. Dieses Mal kaufte ich ein paar Birkenstock Pantoletten, welche bereits nach wenigen Monaten anfingen zu brechen, und die Sohle war so weich, dass es diese regelrecht im warmem Spätherbst dahinraffte. Zunächst schrieb ich an die Zentrale und sandte gleich mal zwei Bilder mit, auf denen man nicht nur erkennen konnte wie die Defekte aussahen, sondern ebenfalls, wie neu die Schuhe noch waren. Nach allerlei Mailverkehr wo weitere Forderungen an mich standen, und meine Erwiderung mit Angabe von Gesetzestexten zu diesem Thema, offenbarte ich meine mögliche Leserschaft, sowie einen Artikel (diesen hier), den ich über dieses Thema verfassen würde. Die Mail war noch nicht wirklich dort angekommen, als mich die Abteilungsleiterin anrief und mich fragte, welche Bombe ich da nun zünden wolle. "Natürlich keine", versicherte ich, und mir wurde versprochen, sich die Schuhe gleich nach Zusendung anzusehen (natürlich auf meine Kosten), um diese dann von Fachpersonal prüfen zu lassen. Nach 14 Tagen meldete ich mich, dass ich noch nichts gehört hätte und ob die Schuhe nun ausgetauscht würden. Wieder klingelte das Telefon und eine Mail trudelte herein. Ferien, Krankheit und eine dünne Personaldecke wurden als Gründe angeführt, doch man wolle die Schuhe reparieren und mir dann umgehend zuschicken. Dies geschah auch, selbst wenn ich ein neues Paar vorgezogen hätte, doch mein Obermaterial sei zurzeit vergriffen und man könne einer Reparatur vertrauen. Tatsächlich wurde der rechte Schuh, dessen Innen- und Korksohle defekt waren, eine halbe Nummer kleiner geliefert, was ich umgehend per Mail mitteilte und ich sofort wieder einen Anruf bekam, man könne auch da wieder Ersatz liefern und mich doch noch zufrieden stellen. Doch es gibt keine zweite gute Chance für einen ersten schlechten Eindruck, hat wenigstens meine Großmutter immer gesagt, aber das waren noch andere Zeiten.

Fazit: Ohne Diplomatie, rechtliche Grundlagenforschung, Geduld und Gelassenheit bekommen Sie heute fast nichts mehr einfach so reklamiert, außer Sie befinden sich direkt im Fachgeschäft Ihres Vertrauens und man kennt Sie als guten Kunden. Jeder Hersteller beugt sich vielleicht irgendwann dem Gesetz und erfüllt seine Pflicht, aber dies kann unter Umständen ein langer Prozess sein, welcher gerne in Warteschleifen anfängt, über Auswahlmenues verlängert wird und nicht selten bei einsilbigen Telefonmitarbeitern letztendlich scheitert. Die Service-Wüste Deutschland lebt also noch, auch wenn Firmen hie und da bemüht sind, den Kunden glücklich zu machen. Dies ist häufig erfolgreich bei Onlinekäufen und den Plattformen, welche unabhängige Bewertungsportale integriert haben und peinlich darauf achten, dass die Anzahl der vergebenen Sterne und Kommentare möglichst hoch und gut ist. Manche senden sogar Mails im Vorab, dass man, im Falle von Unzufriedenheit, immer eine Lösung zugunsten des Kunden finden würde. Nachtigall ick hör dir trabsen! Ein Zeichen dafür, dass es natürlich ebenfalls Kunden gibt, die mit dem Medium Bewertungen unprofessionell umgehen. Für mich ist nicht das Marketing einer Marke entscheidend, sondern der Umgang mit ihren Kunden, vor allem, wenn diese bereit sind einen angemessenen Preis zu zahlen. 

Meine Tipps und Tricks:

Sollten Sie einen Kredit aufnehmen wollen, stellen Sie sicher, dass keine Schufaauskunft eingeholt wird, bis nicht alle Konditionen verhandelt sind, denn mehrmaliges Anfragen bei der Schufa wird als Kreditablehnung registriert. Auch Rechnungsstreitigkeiten mit der Telekom sind ein Ausschlusskriterium bei der Kreditvergabe, während ein Festnestzanschluss als positiv bewertet wird. Sollten Sie der Zinsrechnung nicht mächtig sein, wenden Sie sich besser an eine Verbraucherzentrale, die geben Ihnen Tipps und können so helfen. Übrigens rate ich von der jährlichen Abfrage bei der Schufa dringend ab, da dies als Prüfung von eigenen Missständen gewertet wird und Ihren Scoringwert ebenfalls drückt. Merke! Je höher der eigene Scoringwert, desto niedriger der Kreditzins.

Heben Sie Rechnungen und Belege sorgfältig auf, für mindestens zwei Jahre, sonst wird es oft schwierig das Alter der defekten Ware festzustellen. Auch Bankbelege gelten als Beweis, falls der Kassenzettel verloren gegangen ist. Viele Hersteller verweisen gerne auf den Händler, aber der kann online vielleicht nicht mehr erreichbar sein oder weit entfernt liegen. Sie dürfen sich in jedem Fall an den Hersteller wenden, egal was Ihnen erzählt wird! Bekommen Sie niemanden ans Telefon oder wird auf Ihre Anfrage nicht geantwortet, senden Sie ein Fax oder einen Brief als Einwurfeinschreiben und setzen Sie eine Frist von 14 Tagen, um die Ware zu ersetzen oder Instand zu setzen. Dies ist wichtig, wenn der Fall mal bei Ihrem Rechtsanwalt endet. Werfen Sie die defekte Ware nie weg, denn ohne Beweismittel haben Sie kein Druckmittel in der Hand.

Sollte sich eine Reklamation beim Hersteller als fast zwecklos erweisen, bleibt Ihnen immer noch der Hinweis auf Bewertungsportale, denn in der Regel lesen Kunden nur die schlechten Bewertungen, weil sie diesen mehr vertrauen, als den 5 Sterne Rezensionen. Reklamationen sind heute auf dem Niveau von Pokerspielen. Es lohnt sich nicht gleich "All in" zu gehen, es sei denn, Sie haben einen Straight Flush auf der Hand ;-) 

Meinen Blogbesuchern und Lesern gebe ich gerne Tipps zu aktuellen Fällen, allerdings ist dies keine Rechtsberatung, sondern nur eine erste Einschätzung eventueller Möglichkeiten.

Nikolaos Maltezos: Vera hat mich verlassen - Erzählung

Nikolaos Maltezos: 
Vera hat mich verlassen. Und das wie ich immer noch finde unter dem Vorwand einer fadenscheinigen Begründung. Sie sagte metastasierter Brustkrebs. Leber befallen, Knochen befallen; später auch das rechte Auge. Sie konnte mich nur schemenhaft sehen, was letzteres nicht unbedingt ein Nachteil ist. Auf einmal war sie Puff, weg. Nicht mehr da. Einfach weg.

Mit Vera war ich dreißig Jahre zusammen, was in meinem Alter ziemlich viel ist und in der heutigen schnelllebigen Zeiten eine Ewigkeit. Ich muss bis zum meinem sechzigsten Lebensjahr warten, damit sagen, die Hälfte meines Lebens hab ich mit ihr verbracht.

Tja, wie geht man mit so einer Nachricht um? Ich weiß es immer noch nicht. Hab’s mit alternativen Fakten versucht, mit dem ersten Gesetz der Thermodynamik. In einem geschlossenen System und das Universum ist ja eins, geht keine Energie verloren, es nimmt nur eine andere Form an. Eigentlich ist sie nicht weg. Sie hat nur eine andere Form angenommen. Irgendwie hab ich das nicht geschafft. Fakenews womöglich ? Es ist ja mittlerweile gute Sitte, etwas zu verbreiten, das offensichtlich nicht stimmt und diesem Zeitgeist wollte ich mich nur allzugern nicht verschließen. Sie wird jeden Moment durch die Tür kommen, mich anlächeln und alles wird gut. Aber ich warte und warte und warte.......

Abgesehen davon muss eine Nachricht wie diese auch noch mitgeteilt werden! Aber wie sag’s ich der Mutter, wie dem Vater, wie der Geschwister siebenköpfiger Schar? Es gibt keinen richtigen Weg. Sächsisch wäre so eine Möglichkeit: "Vera iss tödd". 

Also stand ich da.

Was machscht mit so nem angebrochenem Leben?

Was machscht?

Was?

Ich hab mich wie ein brachliegender Nerv gefühlt. Jeder Reiz löste Schmerz aus. So ähnlich wie in "Der Marathon-Mann" mit Dustin Hofmann. Ausgesetzt dem Gutdünken von Dr. Mengele. Kleiner funfact. Technisch betrachtet ist das nicht der schlimmste Schmerz, den ein Mensch erfahren kann. Das ist Verbrennen. Für mich hat es sich genauso schlimm angefühlt. Der Schmerz war so überwältigend, dass ich jeden Morgen geweint habe. Eigentlich geheult. Wie ein kleines Kind. Jeden Morgen. Jeden Abend habe ich mich in den Schlaf geheult. Einen ganzen Sommer über. Meine Tränen hätten Weltmeere füllen können. Persönlich habe ich die Pegelstände nicht überprüft, weshalb ich mich für die Hochwasserkatastrophen besagten Jahres aufrichtig entschuldigen möchte. Andererseits nehme ich für Normalstände auch eure Dankbarkeit entgegen. Ansonsten ist zu sagen, Holland ist noch da.

Eine Menge Fragen drängten sich auf. So die Frage nach dem Leben. Nach seinem Sinn. Und natürlich die Frage nach dem Tod. Essentielle Fragen. Und komische Fragen, auf die man womöglich nie eine befriedigende Antwort bekommt. Wenn der Tag der Geburt inklusive Jahr und oder Quersumme des Geburtsdatums eine so überragende Bedeutung für einen Menschen hat bzw. prägend ist, welche Bedeutung hat der Tag unseres Todes? Denn Vera starb an nicht irgendeinen Tag. Nein. Das wäre ja auch zu einfach. Es gibt nicht sehr viele Datum (was ist die Mehrzahl hiervon. Daten womöglich? Zu missverständlich). Nein es müssten die Iden des März sein. Für meine legasthenischen Freunde, das war der Tag an dem Cäsar gemeuchelt wurde. Der fünfzehnte März. Das musst doch eine Bedeutung haben. Irgendeine. Nur welche? Ich komme einfach nicht drauf. Bin aber jedem Erklärungsversuch aufgeschlossen.

Und natürlich drängen sich auch die Klassiker auf. Wie will ich weiter leben? Was ist der Sinn des Lebens? Warum lässt Gott  das zu? Gibt es womöglich keinen oder einen Gott? Wer weißt das schon. Ich am allerwenigsten. Ich bewundere Menschen, die eine Antwort auf diese Frage gefunden haben, denn man kann sein Leben danach ausrichten. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass es eigentlich nicht darauf ankommt, denn es ändert sich für mich persönlich nichts. Egal ob es ihn gibt oder nicht will ich loyal zu meinen Freunden stehen, hingebungsvoll zu meiner Familie sein und das Gute mehren. Dafür brauche ich keinen Gott. Vor allem keinen der andauernd schweigt. 

Wie will ich weiterleben? Besonders in meinem Fall. Solange Vera da war, wollte ich nur alt mit ihr werden. Das hat mir immer gereicht. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Ihr bezauberndes Lächeln zu sehen, war genug mir alle Ängste zu nehmen. Wenigstens das hätte sie mir lassen können. Aber so sind halt Frauen, wenn sie einen verlassen. Sie hinterlassen verbrannte Erde. Stellt sich immer noch die Frage, wie will ich weiterleben, was will ich machen? Und noch wichtiger finde ich, wie will ich sterben? Auch wenn wir insgeheim danach trachten, so ist uns Unsterblichkeit nicht vergönnt. Aber was bedeutet Unsterblichkeit? Doch nicht, dass wir ewig weiterleben. Bis zum Ende aller Zeiten. Eigentlich bedeutet es nur, dass alles was wir lieben, um uns herum stirbt. Wollen wir das wirklich. Können wir das alles aushalten? Können wir überhaupt erahnen wieviele Sekunden die Ewigkeit andauert? Mir würde es schon genügen mit der Unsterblichkeit ab und zu einen Kaffee zu trinken und sich nett dabei zu unterhalten. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Nicht Ertrinken wäre schon mal gut und nicht im Krankenhaus. Falls es mal soweit kommen sollte, karrt mich da bitte raus. Einfach auf die Straße. Von mir aus gleich neben den Mülleimer Alles ist besser als das Krankenhaus.

Hoffentlich sind die Götter so gnädig und ich darf den Heldentod sterben. Ihr kennt das ja. 90-zig jährig mit der filterlosen Zigarette im Mundwinkel, der Pulle Selbstgebrannten in der Hand zwischen den Schenkeln zwei 18-jährigen jungfräulichen Prostituierten. Da bekommen die Worte "Oh, Gott. Ich komme" doch erst ihre eigentliche Bedeutung. Spaß beiseite. Nicht allein wäre schön, am schönsten in den Armen einer mich liebenden Frau, während mein Blick über das Meer schweift. Wäre wünschenswert. Schön wäre auch, wenn auf meiner Beerdigung auf einen Pfarrer verzichtet werden könnte. Mittlerweile sollte es sich herumgesprochen haben, dass ich es mit Deschner halte: "genau so wenig man die Liebe den Prostituierten anvertrauen darf, genauso wenig Religion den Pfaffen". Wäre schön wenn man den Grill anschmeißt, ordentlich Fleisch drauf, viel zu viel trinken und mein Leben feiert, mehr als meinem Tod zu bedauern. Es darf auch Hehlerware verkauft werden. Eingeweihte sollten hier Family Business erkannt haben.

Is grad kein schönes Thema. - Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Aber wir sterben ja alle und was danach kommt, wer weiß das. Seit Lazarus Auferstehung gibt es keine gefestigte Erkenntnisse. Eigentlich ist die Auferstehung auch nicht repliziert worden, weshalb man davon ausgehen kann, dass es sich um ein einmaliges singuläres Ereignis im Leben eines jeden handelt, was wiederum bedeutet, der Tod ist der Regelfall. 

Tja was machscht?

Zumal der Bestatter zu mir sagte, erfahrungsgemäß leben Partner nach dem Ableben des einen statistisch betrachtet drei bis fünf Jahre weiter und mittlerweile sind ca. zwei Jahre vorbei.

Ich hab mich zunächst einer Ernährungsberaterin zugewandt. Hab meine Ernährung umgestellt. Das ganze läuft unter dem Motto "gesünder Sterben". Dabei habe ich festgestellt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Ernährung mittlerweile religiöse Züge angenommen hat. Die Argumente sind dabei immer die gleichen. Man füllt sich gesünder, vitaler und der Sex ist besser. Teilweise hört man sogar, das Sperma besser schmecken soll, süßlicher; nicht so salzig halt. Nun wie man zu dieser Feststellung gelangt, ist mir vollkommen schleierhaft. Und festgestellt habe ich auch, dass das Bekenntnis zum Veganismus bzw. Vegetarismus Ausdruck eines faschistoiden Grundbekenntnisses ist. Einer der Gründe für die Abkehr von Fleisch ist ja die Aussage, dass es moralisch nicht vertretbar sei, Tiere zu töten, weil sie ein Bewusstsein und einhergehend eine Seele haben. Wer sagt uns, dass es bei Pflanzen nicht der Fall sei? Nur weil sie uns nicht anschauen?

Und ich bürdete dem Buckel des weißen Wales den Hass und den Zorn der ganzen Menschheit auf. Wäre mein Körper eine Kanone gewesen, ich hätte mein Herz auf ihm zerschossen. Leider fand meine Wut nicht so poetisch Ausdruck. Ich fluche ja nicht oft. Eher selten. Eigentlich nie und auf deutsch schon gar nicht. Aber da konnte ich einfach nicht und und es sprudelte geysirartig aus mir heraus "Die Schlampe hat mich verlassen", um ehrlich zu sein war es nicht richtig deutsch. Es war Neudeutsch: "die Bitch. Die Bitch hat mich verlassen". Ich hatte mich die ganze Zeit aufopferungsvoll um sie gekümmert. Ihr all die kleinen und großen Gefallen getan (und es waren nicht wenige), die sie von mir forderte, so schwer auch sie mir vorkamen und dann stirbt sie mir einfach weg. Puff. Nicht mehr da. Wie konnte sie bloß. Dieses egoistische Miststück! War jetzt ungerecht von mir. Womöglich eine kosmische Verschwörung. Das Universum hat sich gegen mich aufgelehnt. Und sie hat bereitwillig die Hauptrolle darin übernommen, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil ich es manchmal versäumt habe, mir die Hände zu waschen, bevor ich mich an den Mittagstisch setzte. Vielleicht habe ich auch den Klodeckel mal nicht runtergeklappt. Die Ermittlungen laufen noch. 

Ich hatte Glück. In meiner schwärzesten Stunde waren meine Freunde und Familie da und haben mich aufgefangen und aufgerichtet. Nichtsdestotrotz gab es einige, sagen wir mal Stilblüten, die ich weder verstehe noch denke, dass man trauernden Menschen sagen sollte. Sie sind wahrlich kein Trost. Und wie so oft im Leben, da ich ja alles in Kategorien und Hitlisten einordne, meine Top drei aus der Kategorie "alles was man jemanden nicht sagen sollte, der gerade trauert" bzw. "Trauer-No-Gos. Nr. 3".   "Du musst dir eine neue Frau suchen und heiraten." "Heeeee????" Ich vergebe ja nicht oft abfällige Urteile über andere Menschen. Das abfälligste ist für mich "hat den Witz nicht verstanden". Was wollte man mir bloß damit sagen? Ich war bis eben mit der besten aller Ehefrauen dreißig Jahre zusammen. Und natürlich gilt auch für mich das Wilde´sche Gesetz. Oscar Wilde hatte ja formuliert, dass in solchen Situationen Männer, die in ihrer Ehe glücklich waren, wieder heiraten. Glückliche Frauen jedoch nicht. Aufgrund meiner bescheidenen Beobachtungen kann ich sagen, dass dieses Gesetz ausnahmslos gilt. Ich finde das so faszinierend. Worauf sich dieser Umstand stützt, kann ich jedoch nicht sagen. Interessant ist er allemal. Außerdem, so habe ich mir sagen lassen, sei dieser Ausdruck extrem frauenfeindlich. Zu Frauen werde so etwas nicht gesagt. Es gäbe insgeheim eine Erwartungshaltung, dass die Frau lebenslang um ihren Ehemann trauern solle. Ich gehe davon aus, dass sich diese Leute auch insgeheim indische Verhältnisse wünschen als die Witwe noch mit ihrem verstorbenen Ehemann auf den Scheiterhaufen verbrannt wurde. Naja, an dem Punkt hätte ich gerne die Feminismusdebatte verfolgt.

Nr. 2 "Dich kriegen wir schon noch erwachsen". Auch so einen Satz, den ich gehört habe, zwar nur einmal aber immerhin und für den ich ja so gar kein Verständnis aufbringen kann. Ich weiß, ich habe ein kindliches Gemüt, an dem ich hart arbeite, um es mir zu erhalten. Erwachsen werden, ist hierbei nicht vorgesehen. Es mag sein sein, dass ich das Kindische ablegen werde, das Kindliche jedoch nie. Bitte erschießt mich vorher. Außerdem bewahrt mich das ständige Pubertieren vor der midlife-crisis. Witzig hingegen fand ich die Aussage, mich aus dem Tal der Trauer herauszuführen, wäre ein göttlicher Auftrag. Auch das habe ich gehört. Jaaaa. Kleiner Annex am Rande. Ich glaube ja, dass wenn ein Mann seine Partnerin überlebt, irgendetwas freigesetzt wird, dass Frauen auf einen aufmerksam macht. Ich kann es nicht genau benennen, aber es scheint irgendein Hormon zu sein. Frauen spüren das und nehmen die Witterung auf ähnlich wie Raubkatzen. Das kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Auf einmal wurden Frauen auf mich aufmerksam, richtige Hammerbräute könnte man sagen. Vielleicht war es auch nur Neugier: Ohhhh er hat seine Frau überlebt. Und schwups kamen sie. Ihr merkt es schon, der Satz kam von einer weiblichen Person. "Ohhh ein göttlicher Auftrag. On a mission of God." Hört sich schon ambitioniert an. Ich bin wichtig. Eigentlich bin ich ja bei solchen Aussagen eher skeptisch. Dann blinken immer Warnzeichen im Kopf auf. Religiöse Hysterie Fragezeichen. Da erwachen meine Spinnensinne und in meinem Kopf leuchten die Warnlampen. So ungefähr muss es in Tchernobyl gelaufen sein. Blink blink blink. 

Aber ich kann euch sagen, wenn jemand jemals zu euch sagt, ihr wärt ein göttlicher Auftrag, dann lehnt euch zurück und geniest die Show. Das hab ich gemacht und es war herrlich.

Nr. 1 Dieser Satz hat es tatsächlich geschafft, meine bisher verhassten Satz abzulösen. Er stand seit dem 11ten September 2001 unangefochten an der Spitze meiner verhassten Sätze. Einige mögen sich an den Satz erinnern: "Ab heute ist die Welt nicht mehr die gleiche". Gott was hat man uns mit ihm zugetextet. "Ab heute ist die Welt nicht mehr dir gleiche" oder war es die "selbe?" ich verwechsle das immer. Aber egal. Mantraartig hat man uns diesen serviert. Und das schlimmste von allen war ja, das er eben nicht von der Bildzeitung kam. Nein das war der Kommentar im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen. Was für ein Schwachsinn. Die Welt ist nie die gleiche oder die selbe. Schon während ich diesen Satz beende, wird sie eine andere sein. Und ich wollte eigentlich nur Star-Trek TNG schauen, die leider für eine Woche abgesetzt wurde. Aber der Satz, den ich seit den Tod Vera’s nicht mehr hören kann und auch nicht will ist:"Das Leben geht weiter". Dieser Satz, so hat es ein Kollege mal ausgedrückt, fällt in die Kategorie"So jung kommen wir nicht wieder zusammen". Warum fiel es den Menschen so schwer zu sagen, was sie stattdessen meinten, es aber nicht sagen konnten oder wollten und lieber auf diese eine Plattitüde verfielen "das Leben geht weiter"? Warum konnten sie nicht sagen: Es tut mir Leid? Ich kann deinen Schmerz nicht nur nicht nachempfinden, ich kann ihn dir auch nicht nehmen. Ich bin angesichts deines Leids machtlos. Aber ich will hier an deiner Seite sein, dir zuhören und mit dir weinen, wenn’s sein muss. Man hätte es auch wie die Griechen sagen können: Komm her und setzt dich, ich mach dir was zu essen, das wärmt deine Seele und du erzählst über Vera. Wir trinken was dabei und ich hör dir zu. 

Aber nein, stattdessen stupide "Das Leben geht weiter."

Was für ein Mist. Natürlich geht das Leben weiter. Das hat niemand bezweifelt und auch nicht in Abrede gestellt. Ich am allerwenigsten. Ich hätte es nur gern gehabt, wenn es für einen spürbaren Moment angehalten hätte. Ihr zu Liebe, denn sie war ein besonderer Mensch. Stattdessen drehte sich diese Scheisserde weiter und weiter, so als wäre nichts geschehen. On an on and on. Und mir wurde nur schwindelig dabei. Und ich weiß nicht, was schlimmer war; dieser Satz kam immer auf Hochdeutsch. Auf Hochdeutsch. Wir leben hier in Hessen. Der Satz ist allgemeines Kulturgut seit den Tagen des großen Lokalphilosophen Dragoslav Stepanovic. Der Satz hat im korrektem Hessisch mit serbisch-kroatischen Anschlag zu lauten: "Lebbe gehd weider". Man sagt in Köln auch nicht " Es kommt wie es kommt" sondern "Es kütt wie es kütt. In Bayern heißt es "Mir soan Mir". Da kommt niemand auf die Idee, sowas auf Hochdeutsch auszusprechen, weil ihm der Missmut, die Missgunst und die Verachtung gleich um die Ohren fliegen würden und das völlig zurecht. Vollkommen zurecht. Man kann nicht Integration von Nichtdeutschen einfordern und dann die eigene Sprache und Kultur so vergewaltigen. Aber so politisch wollte ich jetzt nicht werden. Nichtsdestotrotz, fordere ich den Ausschluss Hessens aus dem bundesföderalistischen Verbund, sodass in solchen Fällen die Anwendung des Artikels 21 Absatz 1 Satz 2 der Hessischen Verfassung Anwendung finden kann.

"Lebbe gehd weider." Auch für mich ging’s weiter. Und ich stand da mit einem angebrochenem Leben und einem zersplitterten Herzen und ohne Kompass. Und Stück für Stück komme ich in einem Leben an, dass ich schon immer leben wollte. Ausgenommen die Nutten, die Parties, das Koks und die schnellen Autos. Dafür aber mit vielen neuen Weggefährten, neuen Einflüssen und neuen Erfahrungen. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass es Menschen gibt, die sagen wir mal "Das Schweigen der Lämmer" nie gesehen haben. Darüber kann ich noch hinwegsehen. Aber sie haben auch "Wall-E" nicht gesehen. Das strapaziert meine Toleranz. 

Ich hab mir eine Gitarre zugelegt und von Zeit zu Zeit nehme ich sie in die Hand und klimpere darauf. Das macht Spaß, vor allem wenn ich auch bescheidenste Erfolge verzeichnen kann. So ist es mir in kürzester Zeit gelungen, die Lehren von Schönberg’s atonaler Musik zu verinnerlichen. Für Nichteingeweihte: Es geht hierbei, um die Auflösung der dur-moll-Modalität. Ich bin einen Schritt weiter gegangen und habe diese Theorie um das Prinzip der Arythmik bereichert. Das wird bestimmt einschlagen. Gut man könnte auch sagen, ich produziere Krach. Das kommt der Wahrheit auch ziemlich nah. Spaß macht es trotzdem. Tja und dann kam Polly. Zugegeben eine ziemlich mittelmäßige Screwball-Komödie mit Jennifer Aniston und Ben Stiller. Er war ein ziemlich abgewrackter Typ, nachdem ihn seine Frau mit dem Surflehrer während der Hochzeitsreise betrogen hatten, was ich mir gewünscht hätte, aber dem nicht so war und sie eine naja etwas unkonventionelle Person, die es halt schafft, in ihm die Lebenslust zu wecken und Ben am Ende es doch gelingt sein wahres Ich zu erkennen und zu akzeptieren. Aber so ungefähr war die Situation. Ich war Ben, ziemlich am Boden und Polly sprach die Sprache der Gefühle. Das berührte mich. Es war fast wie eine Inkarnation von Vera. Irgendwie anders, aber doch mit vielen Gemeinsamkeiten. Abgesehen vom Lächeln. Im modernen Sprachgebrauch würde man sagen Vera 2.0. Sie kehrte mein Innerstes heraus und es fühlte sich gut an. Ich brachte sie zum Lächeln. Nebenbei gesagt, meine einzig wahre Superkraft.

Und es kam wie es kommen musste. Aus Sympathie entsteht Neigung. Aus Neigung Zuneigung. Und ich stand da und fragte mich, ob sich auf eine neue oder eben diese Beziehung einzulassen nicht doch ein Fehler wäre. Mag sein. Das Leben ist ja schon mal komisch. Manchmal bekommt man im Leben nur einmal die Gelegenheit einen bestimmten Fehler zu machen. Ich meine dann sollte man ihn auch voll auskosten. Und ja, wir landeten im Bett. Nicht so ein Bett, wo denkt ihr hin. Das Bett in Frankfurt. Eventlocation. Wir waren tanzen. Zu mehr wäre ich auch nicht fähig gewesen. Immerzu ploppte Vera vor meinem geistigen Auge auf. Und ich fühlte mich wie Brutus mit dem Kurzschwert voll mit Cäsers Blut. V E R R A T. Wie konnte ich nur. 

Was noch kommen wird, kann ich nicht sagen. Aber das ist auch gut so. Es ist tröstend, wenn die Zukunft ungeschrieben ist wie leeres Blatt Papier. Man kann darauf alles Mögliche zeichnen und die Grenzen der Unmöglichkeit selbst bestimmen

Und die Moral von der Geschicht? Wie ein Kommilitone bereits sagte: "Gibt es nicht. Gibt es nicht"

Nikolaos Maltezos:

Gastkolumne Raimund Schöll: Menschliche Größe

 Raimund Schöll
Es war Sisyphos, der den Felsbrocken immer wieder den Berg hinaufrollte, um mit demselben stets kurz vor dem Ziel wieder hinunterzurollen.

Worin besteht eigentlich menschliche Größe?

Darin, dass wir wie Sisyphos immer wieder und unaufhörlich neue (Lebens-)Versuche anstellen? Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Men schen vorstellen, meinte der Dichter, Schriftsteller und Philosoph Albert Camus einst. Den Stein des eigenen Lebens jeden Tag zu bewegen, sei Lebenssinn genug. Denn was würden wir schon tun, wenn wir den Stein endgültig auf den Gipfel gesetzt hätten?

Wären wir dann glücklich?

Würden wir uns dabei besser fühlen, größer vorkommen?

Wohl eher nicht. Erfahrungsgemäß sieht das Leben nicht vor, dass des Menschen Glück in der dauerhaften Selbstzufriedenheit des Ankommens gipfelt. Denn Ankommen bedeutet ja auch Ende, ja letztendlich den Tod. Den Stein zu rollen, ihn immer wieder neu ins Rollen zu bringen, ist das Leben, und etwas anderes bleibt uns gar nicht übrig.

Menschliche Größe könnte also darin bestehen, kompromisslos ja zum Leben und seinen täglichen Herausforderungen zu sagen und das Rollen des Steins als tägliche Passion zu verstehen. Dem Absurden, Tragischen und Grotesken, das dabei täglich am Wegesrand lauert, ins Auge sehen. Und dass dabei auch Zauberhaftes geschieht, wer mag das ernsthaft leugnen?!

Menschlich groß ist vielleicht derjenige, der das Leben wie ein Trapezkünstler nimmt: konzentriert und bewusst, mit Kraft und Heiterkeit, ja auch demütig, vor allem aber mit Respekt, Liebe und Vertrauen denen gegenüber, die das Netz für einen halten und gehalten haben.

Menschliche Größe ist nicht Macht, nicht Geld, nicht Einfluss und Ruhm. Ich denke mit Camus, menschliche Größe könnte tatsächlich darin bestehen, als Sisyphos in der Achterbahn des Lebens glücklich zu werden.

 Raimund Schöll, Alltagsfluchten 2017, S.85

RAIMUND SCHÖLL 

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Gastkolumne Peter J. Reichard- GEWALT GEGEN LEHRER an jeder 4. Schule – was nun?

 Peter J. Reichard
Das erschreckende Ergebnis der im Auftrag des VBE von Forsa durchgeführte Befragung von Schul-leitungen wird gegenwärtig verbreitet diskutiert: 26 % der befragten Schulleitungen berichteten 2016, dass es an ihren Schulen zu psychischer und sogar physischer Gewalt gegenüber Lehrkräften gekommen sei. 

Schweigende Opfer 

Natürlich greifen die Medien das heikle Thema auf und rufen damit verbreitete Aufmerksamkeit hervor. Das ist gut so, denn die Mehrzahl betroffener Lehrkräfte möchte sich selbst dazu aus verständlichen Gründen lieber nicht oder allenfalls anonym äußern. 

Gewalt im Alltag 

Warum die Hemmschwelle bei Heranwachsenden und sogar bei Eltern zu verbalen, medialen und physischen Attacken auf Lehrkräfte so dramatisch gesunken ist, hängt – so sehe ich es – mit vielerlei "Krankheiten" unserer Gesellschaft zusammen. Damit meine ich Anspruchsdenken, Egozentrik und Konsumverhalten. Diese Verhaltensweisen werden durch Medien und Werbung verschlimmert: Geldgier, Klickprämien und Einschaltquoten beflügeln die widerwärtigsten Angebote und lassen zu wenig Raum für qualitativ hochwertige Inhalte. 

Erdachte Gewaltdarstellungen in Krimis und Spielen wie auch detaillierte Berichte über tatsächliche Gewaltphänomene in den Medien beflügeln Gewaltfantasien und geben Gewalttätigkeiten den Anschein von Normalität. Die rohe Gewalt extremistischer Aktivisten, die Brutalität von Gewaltverbrechern, die Gaffer-Mentalität gegenüber Verunglückten, die Unterlassung lebensrettender Hilfeleistungen, das mangelnde Bewusstsein für die Notwendigkeit von Rettungsgassen, ja deren dreisten Missbrauch zum vermeintlich eigenen Vorteil, die Preisverleihung an gewaltverherrlichende Rapper – dergleichen trägt dazu bei, dass unerzogen orientierungslos Heranwachsende sich einen Spaß daraus machen, dergleichen auch selbst auszuprobieren. 

Gerade weil die Freude an der Aggression gegenüber Sachen, Lebendigem und Menschen pervers ist, ist aggressives Verhalten für Menschen attraktiv, denen es an anderen Erfolgen mangelt.

Anspruchsdenken der Gesellschaft 

Der heutigen Elterngeneration wurde zu ihrer Schulzeit als Ziel ihrer schulischen Bildung verheißen: "Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung". – Ersteres ist voll gelungen, das zweite in der Schule vernachlässigt, kaum verstanden und von vielen schon gar nicht akzeptiert. Darum gehen viele Eltern lieber ihrem Job und ihrem Freizeitvergnügen nach als sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern. Das sei doch Sache der Schule, postulieren sie. Und wenn die Schule sich dem Erfolg des eigenen Kindes nicht als förderlich erweist, dann aber! Elterliches Mitwirkungsrecht ist ja gesetzlich garantiert. Das Anspruchsdenken mindert die Unterstützungsbereitschaft: "Wieso denn ich?!" Zu dieser Einstellung passt es, Lehrkräften und Schulleitungen gegenüber sogar aggressiv aufzutreten. 

Scheinerfolge in Schulen 

Nicht was die Jugendlichen gelernt haben ist relevant, sondern was ihnen attestiert wird. Indem das Schulgesetz z.B. in NRW die individuelle Förderung gleichrangig neben Bildung und Erziehung als Schulauftrag definiert hat und die Lehrkräfte zur gerichtsfesten Dokumentation der individuellen Förderung im Fall von Minderleistungen verpflichtet, unterstützt die Politik entsprechende elterlichen Erwartungen sehr effektiv. Die Inflation von Bestnoten im Abitur sind ein Hinweis auf die Wirksamkeit des politischen Willens, die Abiturientenzahlen zu steigern. 

Während in den 50er Jahren Kinder vor Aufnahme an ein Gymnasium in einer Aufnahmeprüfung nachweisen mussten, dass sie lesen, schreiben und rechnen können, stellen heute Hochschullehrer erschrocken fest, dass etliche Abiturienten diese Grundfertigkeiten nicht hinlänglich beherrschen. Was unternimmt die Politik dagegen? 

Zuständigkeiten für Erziehung 

Wie ist dem beizukommen, wenn nun auch noch die Lehrkräfte verunglimpft oder verprügelt werden, die Heranwachsenden behilflich sein sollen, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln? Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen können es nicht verhindern. Denn ihr unmittelbarer Einfluss auf die Schülerinnen und Schüler ist gering und setzt erst ein, wenn ein unguter Vorfall eingetreten ist. Der Umstand, dass inzwischen an fast allen Schulen Sozialarbeiter oder Schulpsychologen eingestellt sind, signalisiert einerseits, dass es verbreitet kritische Situationen an Schulen gibt, denen sich Lehrkräfte und Schulleitungen nicht gewachsen fühlen. Sie sind andererseits Ergebnis eines verbreiteten Zuständigkeitsdenkens: Lehrkräfte sind danach für das Unterrichten, Schulleitungen für das Funktionieren der Schule und die Sozialarbeiter und Psychologen für pädagogische Problemsituationen zuständig. Und dann sind wir hierzulande vermeintlich Meister im Umgang mit Schwierigkeiten: Wir definieren solche Zuständigkeiten und ersinnen "angebrachte" Maßnahmen sowie Kontrollgremien und Verfahren zur Überprüfung ihrer Wirksamkeit. Wo aber bleibt der Erfolg? 

Aktionismus der Bildungspolitik 

Politiker scheinen zu glauben, es sei das Wichtigste, die Bildung durch gewaltige Investitionen zu fördern, z.B. in die Modernisierung der Schulen. Tafel und Kreide ade, die Whiteboards müssen durch Smartboards ersetzt werden. Und Schüler machen sich ein Vergnügen daraus, letztere dann so zu manipulieren, dass sie bis zur Reparatur durch einen Fachmann nicht mehr funktionieren. Der Rechtsanspruch aufs iPad lässt sich sogar von Hartz-IV-Empfängern geltend machen. In Büchern lesen – wie altmodisch! Sind die Schulen damit auf einem guten Weg? 

Anspruch und Wirklichkeit der Lehrerausbildung 

John Hattie hat mit seinen umfänglichen Metastudien eine Binsenweisheit zum Forschungsergebnis geadelt: "Auf den Lehrer kommt es an." Das heißt: Die Lehrerpersönlichkeit hat nachweislich den größten Einfluss auf die Entwicklung der Lernenden. Das wissen alle, die sich an ihre Schulzeit erinnern. Der unsympathische Lehrer konnte fachlich noch so perfekt sein, er erreichte die Mehrzahl seiner Schüler nicht. Der menschliche, vielleicht weniger perfekte aber doch sympathische Lehrer hingegen ist vielen nach Jahren noch als angenehm in Erinnerung – als einer, bei dem man gern gelernt hat. Je ausgeprägter die Lehrerpersönlichkeit, desto wirkungsvoller! Wie aber werden Lehrer ausgebildet: Die Bildungspolitiker erlassen Ausbildungsordnungen, in deren Zentrum die Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht stehen. "Nebenbei" kommen zugehörige Förder-, Beratungs- und Beurteilungsaufgaben zur Sprache. Aber die Persönlichkeitsbildung der Lehrer, ihr Verhalten im Umgang mit sich selbst, Schülern und Eltern sowie der Kompetenzerwerb im genuin pädagogischen Handeln kommt allenfalls marginal vor. Es fehle dafür einfache die Zeit, heißt es an den Seminaren. Es fehlt aber auch ein Konzept. Es fehlt an Traute, in einer multikulturellen Gesellschaft ein Erziehungskonzept für alle aufzustellen und zu vermitteln. Mit dem Aufhängen von Kreuzen in Klassenzimmern ist es - weiß Gott - nicht getan. 

„Wissenschaftlichkeit“ der Ausbildungsordnungen 

Die Kultus- bzw. Schulministerien berufen sich bei der Lehrerausbildung auf deren angeblich bewährte "wissenschaftliche Begleitung". Da gibt es viele einflussreiche Berater, die nach der eigenen Schulzeit keine Schule mehr von innen erlebt oder gar mitgestaltet haben. Aber sie tragen ehrfurchtgebietende akademische Titel. Derart hochqualifizierte Berater schaffen gedankliche Konstrukte auf hohem Abstraktionsniveau mit fachsprachlich verbrämten, umfänglichen Begründungen, die noch schwerer zu widerlegen als zu verstehen sind. 

Das ist Lobbykratie im Bildungsbereich, die mit ministeriellem Segen als integer hingestellt wird. So streift sich die mangelnde Sachkompetenz der Schuladministration die"Wissenschaftlichkeit" ihrer ausgewählten Berater als Mäntelchen über, das ihre Blöße verstecken und Einreden ungebetene Ratgeber nicht durchlassen soll. 

Kompetenzerwerb für Lehrer 

Worauf genau kommt es denn offenkundig beim Lehrer an: Auf sein Verhalten als Persönlichkeit! Er muss Selbstkompetenz entwickeln, die ihn befähigt, Heranwachsenden bei der Ausbildung eben dieser Fähigkeit behilflich zu sein, die sie zu Persönlichkeiten werden lässt. Das eigene Verhalten nicht nur rückblickend zu reflektieren, sondern sich die voraussichtlichen Wirkungen möglicher Verhaltensweisen bewusst zu machen, damit mögliche Entscheidungen abzuwägen und sich für eine verantwortbare Möglichkeit zu entscheiden, das lässt sich erlernen und üben. "Was ist gut für dich selbst, für dein Gegenüber und für die Umwelt – jetzt und künftig?", so lautet die Leitfrage der Bewusstseinsbildung. Zum Training von Lehrkräften im Selbststudium oder in Aus- und Fortbildung geeignete Konkretisie-rungen dieses Konzeptes sind Inhalt der beiden Büchern von Peter Denker "Schule des Bewusstseins – Ein pädagogisches Lesebuch" und "Schulen brauchen gute Lehrer – Verhaltensratgeber für Lehrer zum Umgang mit sich selbst, Schülern, Eltern, Kollegen und Chefs". Der pädagogisch versierte Autor hat Schulen aus unterschiedlichsten Perspektiven kennengelernt und aktiv mitgestaltet. 

Bewusstseinsbildung bietet Schutz

Das Konzept der Bewusstseinsbildung befähigt Lehrkräfte, sich so zu verhalten, dass sie keine Attacken zu befürchten haben und dass sie, wenn es trotzdem dazu käme, souverän damit umzugehen verstehen. Sie behalten damit die Vorbildfunktion, aus der heraus sie Orientierung gebend erzieherisch wirken. Und diese Wirkung beschränkt sich nicht auf Krisenintervention, Nachsorge und abstrakte Präventivkonzepte wie bei Schulpsychologen und Sozialarbeitern. Vielmehr wirkt die umfängliche Präsenz der Lehrkräfte begleitend-vorbeugend und situativ-unmittelbar bei Vorkommnissen in und außerhalb von Unterricht, die erzieherisches Einwirken fordern. Der als "Entwicklungshelfer" seiner Schüler ausgebildete Lehrer soll und will seine pädagogische Zuständigkeit nicht aus der Hand geben.

Vielmehr ist es seine genuine Aufgabe, nicht nur guten Unterricht zu erteilen, sondern dabei auch spürbar zu machen, dass seine Schüler ihm lieb und wichtig sind. Das ist umso bedeutsamer, als leider viele Eltern eben dies ihren Kindern nicht bieten. Das Konzept der Bewusstseinsbildung schließt auch eine intensive Elternarbeit an Schulen ein. Wo diese nicht angenommen wird, sind die Lehrer für sehr viele Heranwachsende die einzigen Erwachsenen, die auf sie einen guten Einfluss ausüben können, solange Schulpflicht besteht. Und damit ruht auf den Lehrerpersönlichkeiten die Hoffnung, dass es auch künftig in unserer Gesellschaft immer weniger "Ausreißer" geben wird, die sich noch so liebenswürdiger Anleitung verweigern. Die meisten Schulabsolventen aber entwickeln sich durch Bewusstseinsbildung zu Persönlichkeiten, denen zu begegnen Freude macht. Diese Vision hat den Autor Peter Denker motiviert, seine pädagogischen Erfahrungen in seinen Büchern zu publizieren. Mögen sie zunehmende Publizität erlangen!

Gastkolumne Raimund Schöll: Randnotiz #Pöbelei

 Raimund Schöll
Pöbelei - in sozialen Netzwerken, in Fußgängerzonen und seit neuestem auch in den Parlamenten. Wutentbrannte Gesichter und schrille Tonträger, die sich aus der Daueraufregung gegen andere zu nähren scheinen.

Worum geht es da?

Das fragt man sich, das frage ich mich bisweilen. Das Pöbeln hat das Überraschungsmoment, die Aggression auf seiner Seite.

Pöbeln heißt Angriff - Krieg mit Kraftworten, könnte man auch sagen. Richtig bepöbelt werden meistens Personen. Ideen allein jedenfalls nur selten.

Wesentlich scheint mir die Verknüpfung des Pöbelns mit einem Denken des Oben und Unten. Der Pöbler katapultiert sich mangels Argumente mit seiner Pöbelei gefühlt in eine erhabene Position, in den Hochstatus gleichsam, während der Bepöbelte scheinbar seines Platzes verwiesen und in den Tiefstatus geschickt wird. Klein sollst du werden, du Geselle, der du mir vorher so übermächtig warst!

Der Pöbler überwindet mit der Technik des Pöbelns sich selbst und vorübergehend das Gefühl der Kleinheit. Das Pöbeln ermöglicht dem Pöbler einen emotionalen Fahrstuhleffekt. Der Pöbler fährt sich gewissermaßen selbst ins oberste Stockwerk einer gefühlten Hierarchie und überwindet so seine enge Sphäre. Meist mit Gleichgesinnten an seiner Seite, seiner Bande, erzeugt er eine Art Höhenrausch.

Wenn auch dieser naturgemäß nur ein großes Wolkenkuckucksheim ist. Und es gibt sie inzwischen zuhauf - die vielen Dauerpöbler. Sie brauchen den täglichen Pöbeltrip in möglichst hohen Dosen. Bloß nicht vom Höhenrausch herunter kommen, scheint das Leitmotiv. Die nüchterne Wirklichkeit ist längst zur Zumutung geworden.

Raimund Schöll


RAIMUND SCHÖLL 

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