Nikolaos Maltezos: Vera hat mich verlassen - Erzählung

Nikolaos Maltezos: 
Vera hat mich verlassen. Und das wie ich immer noch finde unter dem Vorwand einer fadenscheinigen Begründung. Sie sagte metastasierter Brustkrebs. Leber befallen, Knochen befallen; später auch das rechte Auge. Sie konnte mich nur schemenhaft sehen, was letzteres nicht unbedingt ein Nachteil ist. Auf einmal war sie Puff, weg. Nicht mehr da. Einfach weg.

Mit Vera war ich dreißig Jahre zusammen, was in meinem Alter ziemlich viel ist und in der heutigen schnelllebigen Zeiten eine Ewigkeit. Ich muss bis zum meinem sechzigsten Lebensjahr warten, damit sagen, die Hälfte meines Lebens hab ich mit ihr verbracht.

Tja, wie geht man mit so einer Nachricht um? Ich weiß es immer noch nicht. Hab’s mit alternativen Fakten versucht, mit dem ersten Gesetz der Thermodynamik. In einem geschlossenen System und das Universum ist ja eins, geht keine Energie verloren, es nimmt nur eine andere Form an. Eigentlich ist sie nicht weg. Sie hat nur eine andere Form angenommen. Irgendwie hab ich das nicht geschafft. Fakenews womöglich ? Es ist ja mittlerweile gute Sitte, etwas zu verbreiten, das offensichtlich nicht stimmt und diesem Zeitgeist wollte ich mich nur allzugern nicht verschließen. Sie wird jeden Moment durch die Tür kommen, mich anlächeln und alles wird gut. Aber ich warte und warte und warte.......

Abgesehen davon muss eine Nachricht wie diese auch noch mitgeteilt werden! Aber wie sag’s ich der Mutter, wie dem Vater, wie der Geschwister siebenköpfiger Schar? Es gibt keinen richtigen Weg. Sächsisch wäre so eine Möglichkeit: "Vera iss tödd". 

Also stand ich da.

Was machscht mit so nem angebrochenem Leben?

Was machscht?

Was?

Ich hab mich wie ein brachliegender Nerv gefühlt. Jeder Reiz löste Schmerz aus. So ähnlich wie in "Der Marathon-Mann" mit Dustin Hofmann. Ausgesetzt dem Gutdünken von Dr. Mengele. Kleiner funfact. Technisch betrachtet ist das nicht der schlimmste Schmerz, den ein Mensch erfahren kann. Das ist Verbrennen. Für mich hat es sich genauso schlimm angefühlt. Der Schmerz war so überwältigend, dass ich jeden Morgen geweint habe. Eigentlich geheult. Wie ein kleines Kind. Jeden Morgen. Jeden Abend habe ich mich in den Schlaf geheult. Einen ganzen Sommer über. Meine Tränen hätten Weltmeere füllen können. Persönlich habe ich die Pegelstände nicht überprüft, weshalb ich mich für die Hochwasserkatastrophen besagten Jahres aufrichtig entschuldigen möchte. Andererseits nehme ich für Normalstände auch eure Dankbarkeit entgegen. Ansonsten ist zu sagen, Holland ist noch da.

Eine Menge Fragen drängten sich auf. So die Frage nach dem Leben. Nach seinem Sinn. Und natürlich die Frage nach dem Tod. Essentielle Fragen. Und komische Fragen, auf die man womöglich nie eine befriedigende Antwort bekommt. Wenn der Tag der Geburt inklusive Jahr und oder Quersumme des Geburtsdatums eine so überragende Bedeutung für einen Menschen hat bzw. prägend ist, welche Bedeutung hat der Tag unseres Todes? Denn Vera starb an nicht irgendeinen Tag. Nein. Das wäre ja auch zu einfach. Es gibt nicht sehr viele Datum (was ist die Mehrzahl hiervon. Daten womöglich? Zu missverständlich). Nein es müssten die Iden des März sein. Für meine legasthenischen Freunde, das war der Tag an dem Cäsar gemeuchelt wurde. Der fünfzehnte März. Das musst doch eine Bedeutung haben. Irgendeine. Nur welche? Ich komme einfach nicht drauf. Bin aber jedem Erklärungsversuch aufgeschlossen.

Und natürlich drängen sich auch die Klassiker auf. Wie will ich weiter leben? Was ist der Sinn des Lebens? Warum lässt Gott  das zu? Gibt es womöglich keinen oder einen Gott? Wer weißt das schon. Ich am allerwenigsten. Ich bewundere Menschen, die eine Antwort auf diese Frage gefunden haben, denn man kann sein Leben danach ausrichten. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass es eigentlich nicht darauf ankommt, denn es ändert sich für mich persönlich nichts. Egal ob es ihn gibt oder nicht will ich loyal zu meinen Freunden stehen, hingebungsvoll zu meiner Familie sein und das Gute mehren. Dafür brauche ich keinen Gott. Vor allem keinen der andauernd schweigt. 

Wie will ich weiterleben? Besonders in meinem Fall. Solange Vera da war, wollte ich nur alt mit ihr werden. Das hat mir immer gereicht. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Ihr bezauberndes Lächeln zu sehen, war genug mir alle Ängste zu nehmen. Wenigstens das hätte sie mir lassen können. Aber so sind halt Frauen, wenn sie einen verlassen. Sie hinterlassen verbrannte Erde. Stellt sich immer noch die Frage, wie will ich weiterleben, was will ich machen? Und noch wichtiger finde ich, wie will ich sterben? Auch wenn wir insgeheim danach trachten, so ist uns Unsterblichkeit nicht vergönnt. Aber was bedeutet Unsterblichkeit? Doch nicht, dass wir ewig weiterleben. Bis zum Ende aller Zeiten. Eigentlich bedeutet es nur, dass alles was wir lieben, um uns herum stirbt. Wollen wir das wirklich. Können wir das alles aushalten? Können wir überhaupt erahnen wieviele Sekunden die Ewigkeit andauert? Mir würde es schon genügen mit der Unsterblichkeit ab und zu einen Kaffee zu trinken und sich nett dabei zu unterhalten. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Nicht Ertrinken wäre schon mal gut und nicht im Krankenhaus. Falls es mal soweit kommen sollte, karrt mich da bitte raus. Einfach auf die Straße. Von mir aus gleich neben den Mülleimer Alles ist besser als das Krankenhaus.

Hoffentlich sind die Götter so gnädig und ich darf den Heldentod sterben. Ihr kennt das ja. 90-zig jährig mit der filterlosen Zigarette im Mundwinkel, der Pulle Selbstgebrannten in der Hand zwischen den Schenkeln zwei 18-jährigen jungfräulichen Prostituierten. Da bekommen die Worte "Oh, Gott. Ich komme" doch erst ihre eigentliche Bedeutung. Spaß beiseite. Nicht allein wäre schön, am schönsten in den Armen einer mich liebenden Frau, während mein Blick über das Meer schweift. Wäre wünschenswert. Schön wäre auch, wenn auf meiner Beerdigung auf einen Pfarrer verzichtet werden könnte. Mittlerweile sollte es sich herumgesprochen haben, dass ich es mit Deschner halte: "genau so wenig man die Liebe den Prostituierten anvertrauen darf, genauso wenig Religion den Pfaffen". Wäre schön wenn man den Grill anschmeißt, ordentlich Fleisch drauf, viel zu viel trinken und mein Leben feiert, mehr als meinem Tod zu bedauern. Es darf auch Hehlerware verkauft werden. Eingeweihte sollten hier Family Business erkannt haben.

Is grad kein schönes Thema. - Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Aber wir sterben ja alle und was danach kommt, wer weiß das. Seit Lazarus Auferstehung gibt es keine gefestigte Erkenntnisse. Eigentlich ist die Auferstehung auch nicht repliziert worden, weshalb man davon ausgehen kann, dass es sich um ein einmaliges singuläres Ereignis im Leben eines jeden handelt, was wiederum bedeutet, der Tod ist der Regelfall. 

Tja was machscht?

Zumal der Bestatter zu mir sagte, erfahrungsgemäß leben Partner nach dem Ableben des einen statistisch betrachtet drei bis fünf Jahre weiter und mittlerweile sind ca. zwei Jahre vorbei.

Ich hab mich zunächst einer Ernährungsberaterin zugewandt. Hab meine Ernährung umgestellt. Das ganze läuft unter dem Motto "gesünder Sterben". Dabei habe ich festgestellt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Ernährung mittlerweile religiöse Züge angenommen hat. Die Argumente sind dabei immer die gleichen. Man füllt sich gesünder, vitaler und der Sex ist besser. Teilweise hört man sogar, das Sperma besser schmecken soll, süßlicher; nicht so salzig halt. Nun wie man zu dieser Feststellung gelangt, ist mir vollkommen schleierhaft. Und festgestellt habe ich auch, dass das Bekenntnis zum Veganismus bzw. Vegetarismus Ausdruck eines faschistoiden Grundbekenntnisses ist. Einer der Gründe für die Abkehr von Fleisch ist ja die Aussage, dass es moralisch nicht vertretbar sei, Tiere zu töten, weil sie ein Bewusstsein und einhergehend eine Seele haben. Wer sagt uns, dass es bei Pflanzen nicht der Fall sei? Nur weil sie uns nicht anschauen?

Und ich bürdete dem Buckel des weißen Wales den Hass und den Zorn der ganzen Menschheit auf. Wäre mein Körper eine Kanone gewesen, ich hätte mein Herz auf ihm zerschossen. Leider fand meine Wut nicht so poetisch Ausdruck. Ich fluche ja nicht oft. Eher selten. Eigentlich nie und auf deutsch schon gar nicht. Aber da konnte ich einfach nicht und und es sprudelte geysirartig aus mir heraus "Die Schlampe hat mich verlassen", um ehrlich zu sein war es nicht richtig deutsch. Es war Neudeutsch: "die Bitch. Die Bitch hat mich verlassen". Ich hatte mich die ganze Zeit aufopferungsvoll um sie gekümmert. Ihr all die kleinen und großen Gefallen getan (und es waren nicht wenige), die sie von mir forderte, so schwer auch sie mir vorkamen und dann stirbt sie mir einfach weg. Puff. Nicht mehr da. Wie konnte sie bloß. Dieses egoistische Miststück! War jetzt ungerecht von mir. Womöglich eine kosmische Verschwörung. Das Universum hat sich gegen mich aufgelehnt. Und sie hat bereitwillig die Hauptrolle darin übernommen, wahrscheinlich auch nur deshalb, weil ich es manchmal versäumt habe, mir die Hände zu waschen, bevor ich mich an den Mittagstisch setzte. Vielleicht habe ich auch den Klodeckel mal nicht runtergeklappt. Die Ermittlungen laufen noch. 

Ich hatte Glück. In meiner schwärzesten Stunde waren meine Freunde und Familie da und haben mich aufgefangen und aufgerichtet. Nichtsdestotrotz gab es einige, sagen wir mal Stilblüten, die ich weder verstehe noch denke, dass man trauernden Menschen sagen sollte. Sie sind wahrlich kein Trost. Und wie so oft im Leben, da ich ja alles in Kategorien und Hitlisten einordne, meine Top drei aus der Kategorie "alles was man jemanden nicht sagen sollte, der gerade trauert" bzw. "Trauer-No-Gos. Nr. 3".   "Du musst dir eine neue Frau suchen und heiraten." "Heeeee????" Ich vergebe ja nicht oft abfällige Urteile über andere Menschen. Das abfälligste ist für mich "hat den Witz nicht verstanden". Was wollte man mir bloß damit sagen? Ich war bis eben mit der besten aller Ehefrauen dreißig Jahre zusammen. Und natürlich gilt auch für mich das Wilde´sche Gesetz. Oscar Wilde hatte ja formuliert, dass in solchen Situationen Männer, die in ihrer Ehe glücklich waren, wieder heiraten. Glückliche Frauen jedoch nicht. Aufgrund meiner bescheidenen Beobachtungen kann ich sagen, dass dieses Gesetz ausnahmslos gilt. Ich finde das so faszinierend. Worauf sich dieser Umstand stützt, kann ich jedoch nicht sagen. Interessant ist er allemal. Außerdem, so habe ich mir sagen lassen, sei dieser Ausdruck extrem frauenfeindlich. Zu Frauen werde so etwas nicht gesagt. Es gäbe insgeheim eine Erwartungshaltung, dass die Frau lebenslang um ihren Ehemann trauern solle. Ich gehe davon aus, dass sich diese Leute auch insgeheim indische Verhältnisse wünschen als die Witwe noch mit ihrem verstorbenen Ehemann auf den Scheiterhaufen verbrannt wurde. Naja, an dem Punkt hätte ich gerne die Feminismusdebatte verfolgt.

Nr. 2 "Dich kriegen wir schon noch erwachsen". Auch so einen Satz, den ich gehört habe, zwar nur einmal aber immerhin und für den ich ja so gar kein Verständnis aufbringen kann. Ich weiß, ich habe ein kindliches Gemüt, an dem ich hart arbeite, um es mir zu erhalten. Erwachsen werden, ist hierbei nicht vorgesehen. Es mag sein sein, dass ich das Kindische ablegen werde, das Kindliche jedoch nie. Bitte erschießt mich vorher. Außerdem bewahrt mich das ständige Pubertieren vor der midlife-crisis. Witzig hingegen fand ich die Aussage, mich aus dem Tal der Trauer herauszuführen, wäre ein göttlicher Auftrag. Auch das habe ich gehört. Jaaaa. Kleiner Annex am Rande. Ich glaube ja, dass wenn ein Mann seine Partnerin überlebt, irgendetwas freigesetzt wird, dass Frauen auf einen aufmerksam macht. Ich kann es nicht genau benennen, aber es scheint irgendein Hormon zu sein. Frauen spüren das und nehmen die Witterung auf ähnlich wie Raubkatzen. Das kann ich aus eigener Erfahrung berichten. Auf einmal wurden Frauen auf mich aufmerksam, richtige Hammerbräute könnte man sagen. Vielleicht war es auch nur Neugier: Ohhhh er hat seine Frau überlebt. Und schwups kamen sie. Ihr merkt es schon, der Satz kam von einer weiblichen Person. "Ohhh ein göttlicher Auftrag. On a mission of God." Hört sich schon ambitioniert an. Ich bin wichtig. Eigentlich bin ich ja bei solchen Aussagen eher skeptisch. Dann blinken immer Warnzeichen im Kopf auf. Religiöse Hysterie Fragezeichen. Da erwachen meine Spinnensinne und in meinem Kopf leuchten die Warnlampen. So ungefähr muss es in Tchernobyl gelaufen sein. Blink blink blink. 

Aber ich kann euch sagen, wenn jemand jemals zu euch sagt, ihr wärt ein göttlicher Auftrag, dann lehnt euch zurück und geniest die Show. Das hab ich gemacht und es war herrlich.

Nr. 1 Dieser Satz hat es tatsächlich geschafft, meine bisher verhassten Satz abzulösen. Er stand seit dem 11ten September 2001 unangefochten an der Spitze meiner verhassten Sätze. Einige mögen sich an den Satz erinnern: "Ab heute ist die Welt nicht mehr die gleiche". Gott was hat man uns mit ihm zugetextet. "Ab heute ist die Welt nicht mehr dir gleiche" oder war es die "selbe?" ich verwechsle das immer. Aber egal. Mantraartig hat man uns diesen serviert. Und das schlimmste von allen war ja, das er eben nicht von der Bildzeitung kam. Nein das war der Kommentar im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen. Was für ein Schwachsinn. Die Welt ist nie die gleiche oder die selbe. Schon während ich diesen Satz beende, wird sie eine andere sein. Und ich wollte eigentlich nur Star-Trek TNG schauen, die leider für eine Woche abgesetzt wurde. Aber der Satz, den ich seit den Tod Vera’s nicht mehr hören kann und auch nicht will ist:"Das Leben geht weiter". Dieser Satz, so hat es ein Kollege mal ausgedrückt, fällt in die Kategorie"So jung kommen wir nicht wieder zusammen". Warum fiel es den Menschen so schwer zu sagen, was sie stattdessen meinten, es aber nicht sagen konnten oder wollten und lieber auf diese eine Plattitüde verfielen "das Leben geht weiter"? Warum konnten sie nicht sagen: Es tut mir Leid? Ich kann deinen Schmerz nicht nur nicht nachempfinden, ich kann ihn dir auch nicht nehmen. Ich bin angesichts deines Leids machtlos. Aber ich will hier an deiner Seite sein, dir zuhören und mit dir weinen, wenn’s sein muss. Man hätte es auch wie die Griechen sagen können: Komm her und setzt dich, ich mach dir was zu essen, das wärmt deine Seele und du erzählst über Vera. Wir trinken was dabei und ich hör dir zu. 

Aber nein, stattdessen stupide "Das Leben geht weiter."

Was für ein Mist. Natürlich geht das Leben weiter. Das hat niemand bezweifelt und auch nicht in Abrede gestellt. Ich am allerwenigsten. Ich hätte es nur gern gehabt, wenn es für einen spürbaren Moment angehalten hätte. Ihr zu Liebe, denn sie war ein besonderer Mensch. Stattdessen drehte sich diese Scheisserde weiter und weiter, so als wäre nichts geschehen. On an on and on. Und mir wurde nur schwindelig dabei. Und ich weiß nicht, was schlimmer war; dieser Satz kam immer auf Hochdeutsch. Auf Hochdeutsch. Wir leben hier in Hessen. Der Satz ist allgemeines Kulturgut seit den Tagen des großen Lokalphilosophen Dragoslav Stepanovic. Der Satz hat im korrektem Hessisch mit serbisch-kroatischen Anschlag zu lauten: "Lebbe gehd weider". Man sagt in Köln auch nicht " Es kommt wie es kommt" sondern "Es kütt wie es kütt. In Bayern heißt es "Mir soan Mir". Da kommt niemand auf die Idee, sowas auf Hochdeutsch auszusprechen, weil ihm der Missmut, die Missgunst und die Verachtung gleich um die Ohren fliegen würden und das völlig zurecht. Vollkommen zurecht. Man kann nicht Integration von Nichtdeutschen einfordern und dann die eigene Sprache und Kultur so vergewaltigen. Aber so politisch wollte ich jetzt nicht werden. Nichtsdestotrotz, fordere ich den Ausschluss Hessens aus dem bundesföderalistischen Verbund, sodass in solchen Fällen die Anwendung des Artikels 21 Absatz 1 Satz 2 der Hessischen Verfassung Anwendung finden kann.

"Lebbe gehd weider." Auch für mich ging’s weiter. Und ich stand da mit einem angebrochenem Leben und einem zersplitterten Herzen und ohne Kompass. Und Stück für Stück komme ich in einem Leben an, dass ich schon immer leben wollte. Ausgenommen die Nutten, die Parties, das Koks und die schnellen Autos. Dafür aber mit vielen neuen Weggefährten, neuen Einflüssen und neuen Erfahrungen. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass es Menschen gibt, die sagen wir mal "Das Schweigen der Lämmer" nie gesehen haben. Darüber kann ich noch hinwegsehen. Aber sie haben auch "Wall-E" nicht gesehen. Das strapaziert meine Toleranz. 

Ich hab mir eine Gitarre zugelegt und von Zeit zu Zeit nehme ich sie in die Hand und klimpere darauf. Das macht Spaß, vor allem wenn ich auch bescheidenste Erfolge verzeichnen kann. So ist es mir in kürzester Zeit gelungen, die Lehren von Schönberg’s atonaler Musik zu verinnerlichen. Für Nichteingeweihte: Es geht hierbei, um die Auflösung der dur-moll-Modalität. Ich bin einen Schritt weiter gegangen und habe diese Theorie um das Prinzip der Arythmik bereichert. Das wird bestimmt einschlagen. Gut man könnte auch sagen, ich produziere Krach. Das kommt der Wahrheit auch ziemlich nah. Spaß macht es trotzdem. Tja und dann kam Polly. Zugegeben eine ziemlich mittelmäßige Screwball-Komödie mit Jennifer Aniston und Ben Stiller. Er war ein ziemlich abgewrackter Typ, nachdem ihn seine Frau mit dem Surflehrer während der Hochzeitsreise betrogen hatten, was ich mir gewünscht hätte, aber dem nicht so war und sie eine naja etwas unkonventionelle Person, die es halt schafft, in ihm die Lebenslust zu wecken und Ben am Ende es doch gelingt sein wahres Ich zu erkennen und zu akzeptieren. Aber so ungefähr war die Situation. Ich war Ben, ziemlich am Boden und Polly sprach die Sprache der Gefühle. Das berührte mich. Es war fast wie eine Inkarnation von Vera. Irgendwie anders, aber doch mit vielen Gemeinsamkeiten. Abgesehen vom Lächeln. Im modernen Sprachgebrauch würde man sagen Vera 2.0. Sie kehrte mein Innerstes heraus und es fühlte sich gut an. Ich brachte sie zum Lächeln. Nebenbei gesagt, meine einzig wahre Superkraft.

Und es kam wie es kommen musste. Aus Sympathie entsteht Neigung. Aus Neigung Zuneigung. Und ich stand da und fragte mich, ob sich auf eine neue oder eben diese Beziehung einzulassen nicht doch ein Fehler wäre. Mag sein. Das Leben ist ja schon mal komisch. Manchmal bekommt man im Leben nur einmal die Gelegenheit einen bestimmten Fehler zu machen. Ich meine dann sollte man ihn auch voll auskosten. Und ja, wir landeten im Bett. Nicht so ein Bett, wo denkt ihr hin. Das Bett in Frankfurt. Eventlocation. Wir waren tanzen. Zu mehr wäre ich auch nicht fähig gewesen. Immerzu ploppte Vera vor meinem geistigen Auge auf. Und ich fühlte mich wie Brutus mit dem Kurzschwert voll mit Cäsers Blut. V E R R A T. Wie konnte ich nur. 

Was noch kommen wird, kann ich nicht sagen. Aber das ist auch gut so. Es ist tröstend, wenn die Zukunft ungeschrieben ist wie leeres Blatt Papier. Man kann darauf alles Mögliche zeichnen und die Grenzen der Unmöglichkeit selbst bestimmen

Und die Moral von der Geschicht? Wie ein Kommilitone bereits sagte: "Gibt es nicht. Gibt es nicht"

Nikolaos Maltezos:

Gastkolumne Raimund Schöll: Menschliche Größe

 Raimund Schöll
Es war Sisyphos, der den Felsbrocken immer wieder den Berg hinaufrollte, um mit demselben stets kurz vor dem Ziel wieder hinunterzurollen.

Worin besteht eigentlich menschliche Größe?

Darin, dass wir wie Sisyphos immer wieder und unaufhörlich neue (Lebens-)Versuche anstellen? Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Men schen vorstellen, meinte der Dichter, Schriftsteller und Philosoph Albert Camus einst. Den Stein des eigenen Lebens jeden Tag zu bewegen, sei Lebenssinn genug. Denn was würden wir schon tun, wenn wir den Stein endgültig auf den Gipfel gesetzt hätten?

Wären wir dann glücklich?

Würden wir uns dabei besser fühlen, größer vorkommen?

Wohl eher nicht. Erfahrungsgemäß sieht das Leben nicht vor, dass des Menschen Glück in der dauerhaften Selbstzufriedenheit des Ankommens gipfelt. Denn Ankommen bedeutet ja auch Ende, ja letztendlich den Tod. Den Stein zu rollen, ihn immer wieder neu ins Rollen zu bringen, ist das Leben, und etwas anderes bleibt uns gar nicht übrig.

Menschliche Größe könnte also darin bestehen, kompromisslos ja zum Leben und seinen täglichen Herausforderungen zu sagen und das Rollen des Steins als tägliche Passion zu verstehen. Dem Absurden, Tragischen und Grotesken, das dabei täglich am Wegesrand lauert, ins Auge sehen. Und dass dabei auch Zauberhaftes geschieht, wer mag das ernsthaft leugnen?!

Menschlich groß ist vielleicht derjenige, der das Leben wie ein Trapezkünstler nimmt: konzentriert und bewusst, mit Kraft und Heiterkeit, ja auch demütig, vor allem aber mit Respekt, Liebe und Vertrauen denen gegenüber, die das Netz für einen halten und gehalten haben.

Menschliche Größe ist nicht Macht, nicht Geld, nicht Einfluss und Ruhm. Ich denke mit Camus, menschliche Größe könnte tatsächlich darin bestehen, als Sisyphos in der Achterbahn des Lebens glücklich zu werden.

 Raimund Schöll, Alltagsfluchten 2017, S.85

RAIMUND SCHÖLL 

schoell@schoell-consultingpartner.de 
www.schoell-consultingpartner.de 
www.burnoutpraxis-münchen.com
www.atmosphaeriker.de

Gastkolumne Peter J. Reichard- GEWALT GEGEN LEHRER an jeder 4. Schule – was nun?

 Peter J. Reichard
Das erschreckende Ergebnis der im Auftrag des VBE von Forsa durchgeführte Befragung von Schul-leitungen wird gegenwärtig verbreitet diskutiert: 26 % der befragten Schulleitungen berichteten 2016, dass es an ihren Schulen zu psychischer und sogar physischer Gewalt gegenüber Lehrkräften gekommen sei. 

Schweigende Opfer 

Natürlich greifen die Medien das heikle Thema auf und rufen damit verbreitete Aufmerksamkeit hervor. Das ist gut so, denn die Mehrzahl betroffener Lehrkräfte möchte sich selbst dazu aus verständlichen Gründen lieber nicht oder allenfalls anonym äußern. 

Gewalt im Alltag 

Warum die Hemmschwelle bei Heranwachsenden und sogar bei Eltern zu verbalen, medialen und physischen Attacken auf Lehrkräfte so dramatisch gesunken ist, hängt – so sehe ich es – mit vielerlei "Krankheiten" unserer Gesellschaft zusammen. Damit meine ich Anspruchsdenken, Egozentrik und Konsumverhalten. Diese Verhaltensweisen werden durch Medien und Werbung verschlimmert: Geldgier, Klickprämien und Einschaltquoten beflügeln die widerwärtigsten Angebote und lassen zu wenig Raum für qualitativ hochwertige Inhalte. 

Erdachte Gewaltdarstellungen in Krimis und Spielen wie auch detaillierte Berichte über tatsächliche Gewaltphänomene in den Medien beflügeln Gewaltfantasien und geben Gewalttätigkeiten den Anschein von Normalität. Die rohe Gewalt extremistischer Aktivisten, die Brutalität von Gewaltverbrechern, die Gaffer-Mentalität gegenüber Verunglückten, die Unterlassung lebensrettender Hilfeleistungen, das mangelnde Bewusstsein für die Notwendigkeit von Rettungsgassen, ja deren dreisten Missbrauch zum vermeintlich eigenen Vorteil, die Preisverleihung an gewaltverherrlichende Rapper – dergleichen trägt dazu bei, dass unerzogen orientierungslos Heranwachsende sich einen Spaß daraus machen, dergleichen auch selbst auszuprobieren. 

Gerade weil die Freude an der Aggression gegenüber Sachen, Lebendigem und Menschen pervers ist, ist aggressives Verhalten für Menschen attraktiv, denen es an anderen Erfolgen mangelt.

Anspruchsdenken der Gesellschaft 

Der heutigen Elterngeneration wurde zu ihrer Schulzeit als Ziel ihrer schulischen Bildung verheißen: "Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung". – Ersteres ist voll gelungen, das zweite in der Schule vernachlässigt, kaum verstanden und von vielen schon gar nicht akzeptiert. Darum gehen viele Eltern lieber ihrem Job und ihrem Freizeitvergnügen nach als sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern. Das sei doch Sache der Schule, postulieren sie. Und wenn die Schule sich dem Erfolg des eigenen Kindes nicht als förderlich erweist, dann aber! Elterliches Mitwirkungsrecht ist ja gesetzlich garantiert. Das Anspruchsdenken mindert die Unterstützungsbereitschaft: "Wieso denn ich?!" Zu dieser Einstellung passt es, Lehrkräften und Schulleitungen gegenüber sogar aggressiv aufzutreten. 

Scheinerfolge in Schulen 

Nicht was die Jugendlichen gelernt haben ist relevant, sondern was ihnen attestiert wird. Indem das Schulgesetz z.B. in NRW die individuelle Förderung gleichrangig neben Bildung und Erziehung als Schulauftrag definiert hat und die Lehrkräfte zur gerichtsfesten Dokumentation der individuellen Förderung im Fall von Minderleistungen verpflichtet, unterstützt die Politik entsprechende elterlichen Erwartungen sehr effektiv. Die Inflation von Bestnoten im Abitur sind ein Hinweis auf die Wirksamkeit des politischen Willens, die Abiturientenzahlen zu steigern. 

Während in den 50er Jahren Kinder vor Aufnahme an ein Gymnasium in einer Aufnahmeprüfung nachweisen mussten, dass sie lesen, schreiben und rechnen können, stellen heute Hochschullehrer erschrocken fest, dass etliche Abiturienten diese Grundfertigkeiten nicht hinlänglich beherrschen. Was unternimmt die Politik dagegen? 

Zuständigkeiten für Erziehung 

Wie ist dem beizukommen, wenn nun auch noch die Lehrkräfte verunglimpft oder verprügelt werden, die Heranwachsenden behilflich sein sollen, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln? Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen können es nicht verhindern. Denn ihr unmittelbarer Einfluss auf die Schülerinnen und Schüler ist gering und setzt erst ein, wenn ein unguter Vorfall eingetreten ist. Der Umstand, dass inzwischen an fast allen Schulen Sozialarbeiter oder Schulpsychologen eingestellt sind, signalisiert einerseits, dass es verbreitet kritische Situationen an Schulen gibt, denen sich Lehrkräfte und Schulleitungen nicht gewachsen fühlen. Sie sind andererseits Ergebnis eines verbreiteten Zuständigkeitsdenkens: Lehrkräfte sind danach für das Unterrichten, Schulleitungen für das Funktionieren der Schule und die Sozialarbeiter und Psychologen für pädagogische Problemsituationen zuständig. Und dann sind wir hierzulande vermeintlich Meister im Umgang mit Schwierigkeiten: Wir definieren solche Zuständigkeiten und ersinnen "angebrachte" Maßnahmen sowie Kontrollgremien und Verfahren zur Überprüfung ihrer Wirksamkeit. Wo aber bleibt der Erfolg? 

Aktionismus der Bildungspolitik 

Politiker scheinen zu glauben, es sei das Wichtigste, die Bildung durch gewaltige Investitionen zu fördern, z.B. in die Modernisierung der Schulen. Tafel und Kreide ade, die Whiteboards müssen durch Smartboards ersetzt werden. Und Schüler machen sich ein Vergnügen daraus, letztere dann so zu manipulieren, dass sie bis zur Reparatur durch einen Fachmann nicht mehr funktionieren. Der Rechtsanspruch aufs iPad lässt sich sogar von Hartz-IV-Empfängern geltend machen. In Büchern lesen – wie altmodisch! Sind die Schulen damit auf einem guten Weg? 

Anspruch und Wirklichkeit der Lehrerausbildung 

John Hattie hat mit seinen umfänglichen Metastudien eine Binsenweisheit zum Forschungsergebnis geadelt: "Auf den Lehrer kommt es an." Das heißt: Die Lehrerpersönlichkeit hat nachweislich den größten Einfluss auf die Entwicklung der Lernenden. Das wissen alle, die sich an ihre Schulzeit erinnern. Der unsympathische Lehrer konnte fachlich noch so perfekt sein, er erreichte die Mehrzahl seiner Schüler nicht. Der menschliche, vielleicht weniger perfekte aber doch sympathische Lehrer hingegen ist vielen nach Jahren noch als angenehm in Erinnerung – als einer, bei dem man gern gelernt hat. Je ausgeprägter die Lehrerpersönlichkeit, desto wirkungsvoller! Wie aber werden Lehrer ausgebildet: Die Bildungspolitiker erlassen Ausbildungsordnungen, in deren Zentrum die Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht stehen. "Nebenbei" kommen zugehörige Förder-, Beratungs- und Beurteilungsaufgaben zur Sprache. Aber die Persönlichkeitsbildung der Lehrer, ihr Verhalten im Umgang mit sich selbst, Schülern und Eltern sowie der Kompetenzerwerb im genuin pädagogischen Handeln kommt allenfalls marginal vor. Es fehle dafür einfache die Zeit, heißt es an den Seminaren. Es fehlt aber auch ein Konzept. Es fehlt an Traute, in einer multikulturellen Gesellschaft ein Erziehungskonzept für alle aufzustellen und zu vermitteln. Mit dem Aufhängen von Kreuzen in Klassenzimmern ist es - weiß Gott - nicht getan. 

„Wissenschaftlichkeit“ der Ausbildungsordnungen 

Die Kultus- bzw. Schulministerien berufen sich bei der Lehrerausbildung auf deren angeblich bewährte "wissenschaftliche Begleitung". Da gibt es viele einflussreiche Berater, die nach der eigenen Schulzeit keine Schule mehr von innen erlebt oder gar mitgestaltet haben. Aber sie tragen ehrfurchtgebietende akademische Titel. Derart hochqualifizierte Berater schaffen gedankliche Konstrukte auf hohem Abstraktionsniveau mit fachsprachlich verbrämten, umfänglichen Begründungen, die noch schwerer zu widerlegen als zu verstehen sind. 

Das ist Lobbykratie im Bildungsbereich, die mit ministeriellem Segen als integer hingestellt wird. So streift sich die mangelnde Sachkompetenz der Schuladministration die"Wissenschaftlichkeit" ihrer ausgewählten Berater als Mäntelchen über, das ihre Blöße verstecken und Einreden ungebetene Ratgeber nicht durchlassen soll. 

Kompetenzerwerb für Lehrer 

Worauf genau kommt es denn offenkundig beim Lehrer an: Auf sein Verhalten als Persönlichkeit! Er muss Selbstkompetenz entwickeln, die ihn befähigt, Heranwachsenden bei der Ausbildung eben dieser Fähigkeit behilflich zu sein, die sie zu Persönlichkeiten werden lässt. Das eigene Verhalten nicht nur rückblickend zu reflektieren, sondern sich die voraussichtlichen Wirkungen möglicher Verhaltensweisen bewusst zu machen, damit mögliche Entscheidungen abzuwägen und sich für eine verantwortbare Möglichkeit zu entscheiden, das lässt sich erlernen und üben. "Was ist gut für dich selbst, für dein Gegenüber und für die Umwelt – jetzt und künftig?", so lautet die Leitfrage der Bewusstseinsbildung. Zum Training von Lehrkräften im Selbststudium oder in Aus- und Fortbildung geeignete Konkretisie-rungen dieses Konzeptes sind Inhalt der beiden Büchern von Peter Denker "Schule des Bewusstseins – Ein pädagogisches Lesebuch" und "Schulen brauchen gute Lehrer – Verhaltensratgeber für Lehrer zum Umgang mit sich selbst, Schülern, Eltern, Kollegen und Chefs". Der pädagogisch versierte Autor hat Schulen aus unterschiedlichsten Perspektiven kennengelernt und aktiv mitgestaltet. 

Bewusstseinsbildung bietet Schutz

Das Konzept der Bewusstseinsbildung befähigt Lehrkräfte, sich so zu verhalten, dass sie keine Attacken zu befürchten haben und dass sie, wenn es trotzdem dazu käme, souverän damit umzugehen verstehen. Sie behalten damit die Vorbildfunktion, aus der heraus sie Orientierung gebend erzieherisch wirken. Und diese Wirkung beschränkt sich nicht auf Krisenintervention, Nachsorge und abstrakte Präventivkonzepte wie bei Schulpsychologen und Sozialarbeitern. Vielmehr wirkt die umfängliche Präsenz der Lehrkräfte begleitend-vorbeugend und situativ-unmittelbar bei Vorkommnissen in und außerhalb von Unterricht, die erzieherisches Einwirken fordern. Der als "Entwicklungshelfer" seiner Schüler ausgebildete Lehrer soll und will seine pädagogische Zuständigkeit nicht aus der Hand geben.

Vielmehr ist es seine genuine Aufgabe, nicht nur guten Unterricht zu erteilen, sondern dabei auch spürbar zu machen, dass seine Schüler ihm lieb und wichtig sind. Das ist umso bedeutsamer, als leider viele Eltern eben dies ihren Kindern nicht bieten. Das Konzept der Bewusstseinsbildung schließt auch eine intensive Elternarbeit an Schulen ein. Wo diese nicht angenommen wird, sind die Lehrer für sehr viele Heranwachsende die einzigen Erwachsenen, die auf sie einen guten Einfluss ausüben können, solange Schulpflicht besteht. Und damit ruht auf den Lehrerpersönlichkeiten die Hoffnung, dass es auch künftig in unserer Gesellschaft immer weniger "Ausreißer" geben wird, die sich noch so liebenswürdiger Anleitung verweigern. Die meisten Schulabsolventen aber entwickeln sich durch Bewusstseinsbildung zu Persönlichkeiten, denen zu begegnen Freude macht. Diese Vision hat den Autor Peter Denker motiviert, seine pädagogischen Erfahrungen in seinen Büchern zu publizieren. Mögen sie zunehmende Publizität erlangen!

Gastkolumne Raimund Schöll: Randnotiz #Pöbelei

 Raimund Schöll
Pöbelei - in sozialen Netzwerken, in Fußgängerzonen und seit neuestem auch in den Parlamenten. Wutentbrannte Gesichter und schrille Tonträger, die sich aus der Daueraufregung gegen andere zu nähren scheinen.

Worum geht es da?

Das fragt man sich, das frage ich mich bisweilen. Das Pöbeln hat das Überraschungsmoment, die Aggression auf seiner Seite.

Pöbeln heißt Angriff - Krieg mit Kraftworten, könnte man auch sagen. Richtig bepöbelt werden meistens Personen. Ideen allein jedenfalls nur selten.

Wesentlich scheint mir die Verknüpfung des Pöbelns mit einem Denken des Oben und Unten. Der Pöbler katapultiert sich mangels Argumente mit seiner Pöbelei gefühlt in eine erhabene Position, in den Hochstatus gleichsam, während der Bepöbelte scheinbar seines Platzes verwiesen und in den Tiefstatus geschickt wird. Klein sollst du werden, du Geselle, der du mir vorher so übermächtig warst!

Der Pöbler überwindet mit der Technik des Pöbelns sich selbst und vorübergehend das Gefühl der Kleinheit. Das Pöbeln ermöglicht dem Pöbler einen emotionalen Fahrstuhleffekt. Der Pöbler fährt sich gewissermaßen selbst ins oberste Stockwerk einer gefühlten Hierarchie und überwindet so seine enge Sphäre. Meist mit Gleichgesinnten an seiner Seite, seiner Bande, erzeugt er eine Art Höhenrausch.

Wenn auch dieser naturgemäß nur ein großes Wolkenkuckucksheim ist. Und es gibt sie inzwischen zuhauf - die vielen Dauerpöbler. Sie brauchen den täglichen Pöbeltrip in möglichst hohen Dosen. Bloß nicht vom Höhenrausch herunter kommen, scheint das Leitmotiv. Die nüchterne Wirklichkeit ist längst zur Zumutung geworden.

Raimund Schöll


RAIMUND SCHÖLL 

schoell@schoell-consultingpartner.de 
www.schoell-consultingpartner.de 
www.burnoutpraxis-münchen.com
www.atmosphaeriker.de

Gastkolumne Peter Denker: Kinderstreit schlichten

 Peter Denker
Der Autor  Peter Denker hat Schulen aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt und  zwar als Abiturient, Lehramtsstudent, Praktikant, Referendar, Vater von drei Kindern, Gymnasiallehrer, Fortbildungsmoderator für "Schulentwicklung", Schulaufsichtsbeamter, Schulleiter und Autor von pädagogischen Publikationen.  Hier nun seine erste Gastkolumne auf " Buch, Kultur und Lifestyle".

Bewusstseinsbildung kann auch im Elternhaus praktiziert werden. Ein Kapitel des Buches "Schule des Bewusstseins" zeigt auf, wie es einer Mutter gelingt, den Streit ihrer Kinder aus alltäglichem Anlass beispielhaft zu schlichten. Einfach und authentisch entlarvt sie Verallgemeinerungen und verlangt Konkretisierungen, macht ihre Haltung und Gefühle verständlich, regt zum Perspektivwechsel an, erteilt einen hilfreichen Suchauftrag, hält die Kinder zu skeptischem Nachfragen an und führt sie zu einer für das künftige Verhalten hilfreichen Absprache. Eine gelungene Mediation - so entnommen dem Buch "Schule des Bewusstseins": Vielleicht zur Diskussion auf Elternabenden, bestimmt zu Lektüre, Gedankenaustausch und Nachahmung für Eltern. 

Der Streit 

Hanna: "Du hast mir mein Mäppchen geklaut." 
Paul: "Stimmt gar nicht."
Hanna: "Das hast du ja schon oft gemacht." 
Paul: "Du weißt ja bloß wieder nicht, wo du es vermasselt hast." 
Hanna: "Du willst mich immer bloß ärgern." 
Paul: "Du schiebst immer alles auf mich." 
Hanna "Du lügst." 
Paul: "Du spinnst." 
Hanna: "Du Lügner!" und eine Backpfeife. 
Paul: "Jetzt reicht es!" und ein Schlag zurück. 
Die beiden prügeln auf einander ein. - 
Nach geraumer Zeit flüchtet Hanna heulend zur Mutter: "Paul hat mich verhauen." 
Mutter: "Paul, komm mal her." 
Paul: "Nein." 

Versachlichung 

Die Mutter überlegt, ob sie das hinnehmen oder sich durchsetzen soll. Sie will Hannas Kummer aber nicht allein anhören. Vielmehr soll auch Paul das mithören. Also sagt sie: "Komm, Hanna, lass uns mit Paul reden." So geht sie mit Hanna zu Paul. Hanna schluchzt mitleiderregend. 
Paul sagt mit abweisend-verächtlicher Miene zur Mutter: "Die hat angefangen." 
Dann Hanna jammernd: "Stimmt gar nicht, der Paul hat mir mein Mäppchen geklaut." 
Daraufhin die Mutter: "Hanna, du sagst etwas über Paul. Sag doch bitte erst einmal etwas über dich selbst und darüber, was dir Kummer macht." 
Hanna weinerlich: "Der hat mich verhauen." 
Mutter: "Auch damit machst du ja Paul einen Vorwurf". Beschreib es doch einmal so, dass du nur etwas über dich selbst und dein Mäppchen sagst. Und lass Paul daraus einfach weg." 
"Und was soll das?", entgegnet Hanna schnippisch. 
Die Mutter: "Bitte versuch es doch. Du wirst sehen, dass es dir nützt." 
Hanna verdreht die Augen: "Die Sache ist doch klar: Paul hat mich beklaut und verhauen und du willst ihn bloß in Schutz nehmen." 
Die Mutter schaut Hanna liebevoll an: "Glaubst du wirklich, dass ich Paul lieber habe als dich?" "Nein, Mama", antwortet Hanna kleinlaut.
 Jetzt die Mutter: "Dann lass uns doch mal prüfen, ob die Sache wirklich so klar ist, wie du meinst. Was war denn mit dir und dem Mäppchen - ohne Paul?" 
"Mein Mäppchen ist weg", antwortet Hanna. 
"Das ist eine ganz sachliche Feststellung, die keinen verletzt; gut Hanna!" 

Verallgemeinerungen 
"O doch, Mama: Mich!", widerspricht Hanna,"denn Paul hat es weggenommen oder versteckt, um mich zu ärgern." 
"Eben sagtest du noch, er habe es geklaut, jetzt meinst du, er könnte es vielleicht bloß an sich genommen oder versteckt haben, ja?", fragt die Mutter nach. 
Hanna: "Ähm, na ja, vielleicht." 
Darauf die Mutter: "Du bist dir also nicht ganz sicher?"
Hanna: "Eigentlich doch, weil Paul mir schon oft was weggenommen hat, um mich zu ärgern." 
Paul macht Anstalten sich zu verteidigen. 
Die Mutter: "Lass mal, warte ab, Paul, ich möchte erst Hanna noch etwas fragen." Und zu ihr gewandt: "Weil das schon vorgekommen ist, meinst du, es sei diesmal ebenso?" 
Hanna: "Genau!" 
Die Mutter: "Kannst du da ganz sicher sein?" 
Hanna überlegt. Paul wirft ein: "Siehst du, Mama, das kann sie gar nicht, weil es nämlich gar nicht stimmt. Aber so ist Hanna immer." 
"Ach Junge", entgegnet die Mutter, "jetzt verhältst du dich gegenüber Hanna genauso wie du es ihr vorwirfst. Jeder von euch beiden sagt, weil er es manchmal so erlebt habe, sei es gewiss immer so." Paul und Hanna im Chor: "Ist es ja auch!" 
Die Mutter und Paul schauen sich an und finden das so komisch, dass sie gemeinsam darüber lachen. Hanna stutzt erst einmal darüber, erkennt den Witz und lacht dann mit. 

Eskalation

"Damit Hanna sich nicht vorkommt, als ob sie sich verteidigen müsste, bitte ich ebenso dich, Paul: Beschreib bitte den Anlass für euren Streit, indem auch du nur etwas über dich und nichts über Hanna dazu sagst."
 "Ich fühle mich zu Unrecht beschuldigt", antwortet Paul nach einigem Überlegen, und schiebt nach, dass er das Mäppchen wirklich nicht weggenommen habe.
"Aber dann hat er mir gleich eine gescheuert", wirft Hanna ein.
Paul: "Nein, Mama, das stimmt nicht. Erst gab nämlich ein Wort das andere. Und indem mich Hanna 'Lügner' schimpfte, hat sie mir zuerst eine gelangt. Dagegen habe ich mich gewehrt: Indem ich ihr zurief 'Jetzt langt's! ', hab ich ihr dann auch eine verpasst."
"Ja, und dann habt ihr munter weiter Krieg gespielt, bis Hanna zu mir flüchtete", stellt die Mutter mit Traurigkeit in ihrer Stimme fest und fragt: "Seht ihr denn jetzt wenigstens, wie es dazu gekommen ist, dass ihr die Sache nicht mit Worten klären konntet?"
Hanna und Paul spüren, dass die Mutter sie beide für mitschuldig hält und sich wünscht, sie hätten sich nicht geprügelt.

Betroffenheit

"Du musst doch zugeben, Mama, dass ich mich nur gewehrt habe", betont Paul seine mindere Schuld. "Ich muss gar nichts zugeben, was dir, Hanna, oder dir, Paul, mehr oder weniger Recht gibt. Ich war ja nicht dabei. Jeder von euch beiden versucht, sich mir gegenüber als Opfer darzustellen. Das überzeugt mich nicht. Ich halte nämlich auch keinen von euch beiden für böse. Aber euer beider Verhalten finde ich nicht gut", erklärt die Mutter.
"Was meinst du denn damit?", ertönt es von Hanna und Paul wieder im Chor.
 Die Mutter greift zur Gegenfrage: "Was glaubt ihr wohl, wie ich mich fühle, wenn meine Kinder sich prügeln?"
Wieder sind die beiden Kinder sich einig: "Das hat doch gar nichts mit dir zu tun!"
"Oh doch, lasst es euch erklären: Ich mache mir Sorgen, dass ihr auch als Erwachsene einen Streit bis zur Gewaltanwendung steigert, statt ihn durch Übereinkunft zu beenden, wenn ihr das als Kinder nicht gelernt habt", sagt sie ernst.
Und darauf Paul: "Aber Mama, wir sind doch noch Kinder."

Schlichtungsabsicht
"Ja, eben, Kinder", antwortet die Mutter, "wenn ihr es jetzt nicht bei mir lernt, wo ich euch beide lieb habe, wann denn dann? Die Erwachsenen lernen viel schwerer und manche wollen es gar nicht mehr. Eure Kindheit ist die Zeit, in der Euch das Lernen leicht fällt und nicht weh tut. Denn jetzt habt ihr Lehrer und Eltern, denen eure Lernfortschritte wichtig sind und die euch dabei lieb haben. Ich wünsche mir von euch, dass ihr mit meiner Hilfe nach einem guten Ausweg aus dem Streit sucht. Ein Ausweg ist gut, wenn er statt in einer Prügelei in einer Absprache endet, die ihr beide annehmen könnt."
"Sag mal, Mama, was ist das: eine Übereinkunft oder eine Absprache?", will Hanna erklärt bekommen.
Mit der Vertröstung "Das werdet ihr gleich noch selbst herausfinden" vermeidet die Mutter eine abstrakte Begriffserklärung.

Entschuldigung "Und wie kommen wir nun dazu?", fragt Paul nach.
"Du hast gesagt, Paul", wendet sich die Mutter ihm zu, "du fühlst dich zu Unrecht beschuldigt, hast also Hannas Mäppchen nicht weggenommen."
Paul: "Ja, genau."
"Und du, Hanna glaubtest, Paul habe es doch getan?"
"Ja, genau", antwortet auch Hanna.
Die Mutter: "Hast du denn heute bei Paul irgendetwas beobachtet, was für deine Vermutung spricht?" Nach längerem Zögern räumt Hanna ein: "Nein, heute eigentlich nichts."
"Und wieso nur 'eigentlich'?", fragte die Mutter nach.
Hanna: "Nun ja, ich kann ihn ja nicht andauernd im Blick haben."
Die Mutter: "Weil er dir früher mal was gemopst oder versteckt hat und weil es möglich wäre, dass er es heute wieder gemacht haben könnte, glaubst du, er hat es heute bestimmt wieder getan?"
Hanna kleinlaut: "Ach Mama, sicher bin ich mir jetzt nicht mehr, aber vorhin war ich davon überzeugt."
Die Mutter: "Das weiß ich schon, Hanna. Aber du solltest es Paul erklären und ihn fragen, ob er das annehmen kann."
Hanna zu Paul: "Muss ich das jetzt nochmal sagen?"
Paul zu Hanna: "Nee, ist schon gut so. Wenn das 'ne Entschuldigung sein soll, nehme ich sie an."

Später Wunsch
"Das finde ich prima", lobt die Mutter, "aber wir sind ja noch nicht fertig."
"Was denn nun noch?", sind Hanna und Paul sich wieder einig.
"Zweierlei fehlt noch: Erstens Hannas Mäppchen und zweitens, wie ihr künftig solchen Streit vermeiden könnt."
Und zu Hanna: "Wo hast du denn vorhin danach gesucht?"
"Überall, Mama", übertreibt Hanna.
Darauf die Mutter lächelnd zu ihr: "Dann sag mal, wo du überall gesucht hast, Hanna."
Sie antwortet: "Natürlich im Schulranzen, auf und unter dem Schreibtisch, im Regal und sogar auf dem Bett. Ich glaube nicht, dass es noch hier im Zimmer ist."
Darauf Paul: "Also ich habe es nicht in der Hand gehabt und schon gar nicht versteckt."
Hanna zu ihm: "Würdest du mir denn beim Weitersuchen helfen, Paul?"
Paul: "Das hättest Du mich besser gefragt, bevor du mir in die Schuhe geschoben hast, ich hätte dir das Mäppchen geklaut."
Hanna kleinlaut: "Stimmt."

Hilfreicher Tipp

Paul: "Gut, dann können wir ja mal gucken, wo du das Teil selbst versteckt hast"
Hanna. "Mama, wo würdest du zu suchen anfangen?"
Die Mutter: "Wo die Unordnung am größten ist."
Hanna: "Bei mir ist keine Unordnung,
Mama: "Mein liebes Kind, schau dir doch mal deinen Schreibtisch an; gehört denn der Schulranzen auf den Tisch? Und wie liegen da Bücher, Haushefte, Zettel und Zeichenzeug durcheinander!"
"Ach es ist aber auch wirklich schwer, es dir recht zu machen, Mama."
Derweil hebt Paul Hannas Schulranzen hoch und triumphiert: "Guck mal, Hanna, was hier liegt!" "Oh ha", sagt Hanna verlegen, "da hab ich vorhin nicht nachgeschaut."

Einsicht

"Na also, damit hat sich die Sache mit dem Mäppchen ja endlich geklärt. Bleibt die Frage, was ihr beide daraus jetzt gelernt habt, um künftig so blöden Streit zu vermeiden", resümiert die Mutter. Zu Hanna: "Fang du mal an."
"Bestimmt willst du mir wieder mal einbläuen, dass ich mehr Ordnung halten muss", entgegnet Hanna fast trotzig.
Die Mutter klärt: "Ach, Hanna, das hilft zwar, Gesuchtes leichter zu finden, aber nicht Streit zu vermeiden. Überleg doch mal, womit du Paul so auf die Palme gebracht hast."
Hanna leise: "Ich hatte geglaubt, Paul hätte mir das Mäppchen weggenommen."
Darauf Paul: "Statt mir das vorzuwerfen, hättest du mich besser gleich gefragt, ob ich dir suchen helfe."
Nun Hanna: "Ja Paul, entschuldige bitte."
Und Paul: "Hab ich doch vorhin schon."

Zwei Lehren

"Dann ist ja alles geklärt bis auf die Frage, was eine Übereinkunft oder Absprache ist. Dazu möchte ich dich, Paul, fragen, was du dir für die Zukunft von Hanna wünschst, damit so was nicht wieder passiert."
Paul: "Die soll mal nicht so schlecht von mir denken."
Die Mutter: "Dann sag doch Hanna, was sie tun oder lassen sollte, damit du nicht das Gefühl bekommst, sie dächte schlecht von dir."
"Also", antwortet Paul langsam und mit faltiger Stirn, "Hanna sollte sich selber fragen, ob stimmt, was sie glaubt, bevor sie es sagt." "
Und was meinst du dazu, Hanna?", fragt sie die Mutter.
"Das fällt mir aber schwer. Wenn ich doch von etwas überzeugt bin, warum sollte ich es denn bezweifeln?", wendet sie ein.
"Keiner behauptet, dass das leicht ist. Aber dass es nützlich ist, zeigt sich an der Sache mit dem Mäppchen. Wer eine Vermutung hat, sollte sie prüfen, bevor er sie äußert. Das hat Paul eben wunderbar erkannt und ausgedrückt."
"Davon allein kann man es doch aber noch nicht", wendet Hanna ein.
"Das stimmt, Hanna. Man muss es bei jeder Gelegenheit üben. Und dabei können wir uns gegenseitig helfen, indem wir einander einfach fragen: ‚Bist du ganz sicher?' - Und ein zweites habe ich dich vorhin gebeten: Beschreibe, was dir am Herzen liegt, ohne einen andern zu beschuldigen oder zu verurteilen. Denn damit sind wir vorhin auch weiter gekommen."

Ergebnis "Und was ist jetzt die 'Übereinkunft' oder 'Absprache'?", will Paul noch wissen. "

Du hast schon gesagt, was du, Paul, dir von Hanna für die Zukunft wünschst. Nun, Hanna, was wünschst du dir denn von Paul?"
"Dass er nicht aufbraust, wenn es mir nicht auf Anhieb gelingt."
Die Mutter: "Ist das für euch beide so in Ordnung?"
Noch einmal antworten beide im Chor: "Ja, ok". "Seht ihr, das ist jetzt eure Übereinkunft oder Absprache. Haltet sie ein und erinnert euch daran, wenn es nötig wird. So könnt ihr in Zukunft Streit vermeiden."

Peter Denker  

Hinweis Handlung und Leitgedanken dieses Kapitels sind in der Buchdokumentation beschrieben.

Link zur Homepage:http://publicationes.de/


Gastkolumne Thomas Stiegler: "Was ist heute der Nutzen von Dichtung?"

 Thomas Stiegler
"Was ist heute der Nutzen von Dichtung?" Das ist eine Frage, die darum nicht weniger stichhaltig ist, weil sie von so vielen Dummen herausfordernd gestellt oder von so vielen Einfältigen apologetisch beantwortet wird (R. v. Ranke-Graves) 


Diese Zeilen beschäftigen mich nun schon seit Jahren. Ich habe Gedichte immer nur als nettes Beiwerk der Literatur betrachtet und meine Zeit lieber mit dicken Wälzern wie "Krieg und Frieden" verbracht.

Trotzdem spürte ich immer eine leise Stimme, die darauf beharrte, dass in Gedichten ein Geheimnis liegt, das sich mir einfach noch nicht erschlossen hat. Und daher begann ich mir selbst einige Fragen zu stellen.

Was unterscheidet lyrische Texte von anderen Arten der Übermittlung? Warum berühren uns Gedichte, und an welchen Stellen? Und wenn wir Gedichte brauchen, wovon ich mittlerweile überzeugt bin, warum, und wozu dienen sie uns?


Was jedem auffällt ist die starke Veränderung, die unsere Sprache gerade durchmacht.

Natürlich ändert sich Sprache permanent und passt sich an die neue Lebensumwelt der Menschen an. Aber heute geht es nicht mehr nur darum, sondern vielmehr um einen dramatischen Verfall unserer Sprache.


Viele Menschen halten das für ein "Kassandra-Geschrei". In ihren Augen ändert sich zwar die Sprache, aber sie glauben, dass dies dieselbe Entwicklung sei wie wir sie seit mehr als 2000 Jahren kennen.

Aber sie irren sich, denn sie verwechseln die Quantität der gebrauchten Worte mit der den Worten innewohnenden Qualität. Sie beziehen sich immer nur auf die Verwendung der Sprache für Dinge im Außen, für die Verständigung über technische Vorgänge oder die Verbreitung von Informationen.

Und auf diese Aspekte bezogen stimmt es vielleicht sogar, dass hier ein normaler Wandel geschieht und sich die Sprache an eine neue Umwelt anpasst.


Kommunikation ist aber weit mehr als das. Viel wichtiger ist die Frage inwiefern sie es schafft, abstrakte Gedanken zu übermitteln und innere Vorgänge auszudrücken.

Inwieweit es durch Sprache möglich ist neue Gedankenräume zu erschaffen, neue Arten des Denkens und Fühlens und eine neue Sicht auf uns selbst als Mensch in dieser Welt zu entdecken.


Und unter diesem Gesichtspunkt stehen wir vor einer besorgniserregenden Entwicklung.

Denn Sprache ist immer ein Abbild ihrer Zeit. In unserer scheinen die wichtigsten Dinge Geld, Macht und Technik zu sein, und deshalb entwickelt sich unsere Sprache zwangsläufig in eine Richtung um diesem Weltbild gerecht zu werden.


Aber durch diese reduzierte Sicht auf die Welt beschneiden wir sie um ihre wichtigste Aufgabe und uns selbst um die Möglichkeit, mit den urmenschlichsten Problemen wie Liebe oder Einsamkeit auf eine produktive Art umzugehen. 


Dadurch kann das geschehen, was Cornelia Jentzsch einmal beschrieben hat: "Als ich angefangen habe, über das Leben nachzudenken, haben mir die Worte gefehlt."

Und genau darum geht es. Wenn wir die Worte verlieren, wenn wir eine nuancierte Sprache verlieren, dann werden wir nicht mehr über eine Welt außerhalb der sichtbaren Realität nachdenken können. 


Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch den Verlust unserer Buchkultur und ihre Ablösung durch die modernen Massenmedien.

Ich habe an anderer Stelle schon genauer darüber geschrieben, daher will ich im Folgenden nur zeigen wie drei verschiedene Medien einen je eigenen Zugang zu differenzierten Gedanken und Gefühlen ermöglichen oder verhindern.


Der Film ist ein Medium, in dem es in erster Linie um bewegte Bilder geht. Der Text kann wichtig sein, bleibt aber immer sekundär.

Eines der großen Probleme dieses Mediums ist, dass Filme nur eine kurze Zeitspanne haben um die Menschen zu erreichen. Deshalb müssen Gefühle und Gedanken so dargestellt werden, dass man sie sofort erkennt und versteht und das führt zwangsläufig zu einer stark vereinfachten und oberflächlichen Darstellung.

Prosa ist weit besser geeignet, um Gefühle darzustellen und sie für sein Leben fruchtbar zu machen.-

Der Fokus liegt bei dieser Art von Texten auf einer Handlung, in der die Gefühle und Gedanken eingebettet sind. Deshalb ist dieses Medium wie kein zweites dafür geschaffen, diese beiden zueinander in Beziehung zu setzen, in Sprache zu transformieren und uns die Möglichkeit zu geben, sie in unser Leben zu integrieren.

Aber durch die Abhängigkeit von einer Geschichte erreichen diese Texte selten den Punkt an dem sie über das Sagbare hinausgehen müssten.


Und an dieser Stelle habe ich endlich den Sinn von Gedichten verstanden.

Gedichte machen diesen Schritt, hinaus in Sphären die man nur noch erahnen. aber nicht mehr in Worte fassen kann, die aber trotz allem real sind und für unser Menschsein von enormer Wichtigkeit.


Ein gutes Gedicht besitzt eine „innere Schönheit“, und durch die Kraft seiner Sprache kann es unseren Verstand befreien und für einen Augenblick mit einer anderen Welt in Verbindung bringen.

Gedichte haben die Möglichkeit zwischen den Worten einen Blick auf das zu erhaschen, was sich durch Sprache nicht mehr ausdrücken lässt.


Sie können auch feinste Nuancen ansprechen und, was noch wichtiger ist, Dinge andeuten, die man nicht mehr aussprechen, aber durch die Kraft ihrer Worte nachempfinden kann. Gedichte setzen Dinge zueinander in Beziehung, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, aber für einen Augenblick zueinander sprechen können.


Deshalb erscheinen sie manchmal unlogisch, sie scheinen abzudriften, sich zu wiederholen und schwer fassbar zu sein. Aber das ist mehr als nur ein Narzissmus des Poeten. Es dient diesem besonderen Zweck, uns aus unserer Zeit herauszureißen und kurz über uns hinaus wachsen zu lassen.

Dadurch geben Gedichte dem Inneren eine Stimme. Sie geraten an die Grenze dessen was sich mit Worten sagen lässt und manchmal darüber hinaus.


Gerade deshalb können sie uns als Schutzschild gegen die heutige Zeit mit ihrer Dauerbeschallung aus Unterhaltung, fremden Gedanken und Meinungen dienen. Nicht um der Realität zu entfliehen, sondern um in unserem Inneren einen Ort der Menschlichkeit zu bewahren, einen Ort der Stille und Imagination, damit dort Inspiration und Liebe wachsen können.

Thomas Stiegler