Gastkolumne Raimund Schöll: Menschliche Größe

 Raimund Schöll
Es war Sisyphos, der den Felsbrocken immer wieder den Berg hinaufrollte, um mit demselben stets kurz vor dem Ziel wieder hinunterzurollen.

Worin besteht eigentlich menschliche Größe?

Darin, dass wir wie Sisyphos immer wieder und unaufhörlich neue (Lebens-)Versuche anstellen? Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Men schen vorstellen, meinte der Dichter, Schriftsteller und Philosoph Albert Camus einst. Den Stein des eigenen Lebens jeden Tag zu bewegen, sei Lebenssinn genug. Denn was würden wir schon tun, wenn wir den Stein endgültig auf den Gipfel gesetzt hätten?

Wären wir dann glücklich?

Würden wir uns dabei besser fühlen, größer vorkommen?

Wohl eher nicht. Erfahrungsgemäß sieht das Leben nicht vor, dass des Menschen Glück in der dauerhaften Selbstzufriedenheit des Ankommens gipfelt. Denn Ankommen bedeutet ja auch Ende, ja letztendlich den Tod. Den Stein zu rollen, ihn immer wieder neu ins Rollen zu bringen, ist das Leben, und etwas anderes bleibt uns gar nicht übrig.

Menschliche Größe könnte also darin bestehen, kompromisslos ja zum Leben und seinen täglichen Herausforderungen zu sagen und das Rollen des Steins als tägliche Passion zu verstehen. Dem Absurden, Tragischen und Grotesken, das dabei täglich am Wegesrand lauert, ins Auge sehen. Und dass dabei auch Zauberhaftes geschieht, wer mag das ernsthaft leugnen?!

Menschlich groß ist vielleicht derjenige, der das Leben wie ein Trapezkünstler nimmt: konzentriert und bewusst, mit Kraft und Heiterkeit, ja auch demütig, vor allem aber mit Respekt, Liebe und Vertrauen denen gegenüber, die das Netz für einen halten und gehalten haben.

Menschliche Größe ist nicht Macht, nicht Geld, nicht Einfluss und Ruhm. Ich denke mit Camus, menschliche Größe könnte tatsächlich darin bestehen, als Sisyphos in der Achterbahn des Lebens glücklich zu werden.

 Raimund Schöll, Alltagsfluchten 2017, S.85

RAIMUND SCHÖLL 

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