Gastkolumne: Prof Dr. Klaus Liebers- Ein Abstecher zu Kunst- und Schauuhren

Prof. Dr. Klaus Liebers
Foto: K. Fritze
Wer von uns hätte nicht schon einmal staunend eine astronomische Kunst- und Schauuhr bewundert? In Venedig oder Messina, in Prag oder Olmütz, in Bern oder Solothurn, in Straßburg oder Lyon, in London oder Exeter, in Tübingen oder Ochsenfurth, in Münster oder Bremen, in Wismar oder Rostock, in Stralsund oder Danzig, in Riga oder Lund? Immer aufs Neue geben uns diese Kunstwerke Rätsel auf

Anfang des Spätmittelalters begannen Christen, prächtige gotische Kathedralen zu bauen. Die Dome erhielten als Schmuck Altäre, Chorgestühl, Glasfenster, Skulpturen und Bilder. All dieses diente der Lobpreisung Gottes und der Vermittlung der Bibelinhalte an die Gläubigen. Mit der Erfindung der Räderuhr am Anfang des 13. Jahrhunderts entstand eine neue Idee: Alle Aussagen der Bibel, die sich auf die Zeit bezogen, wollte man in einer Uhr zusammenzufassen, denn im Christentum wird Gott als Herr der Zeit begriffen. 

Gott ist nicht nur Anfang (Alpha) und Ende (Omega), sondern auch Schöpfer der Zeit und ihrer Messung. Am Ersten Tag schuf Gott mit der Scheidung von Licht und Finsternis die Zeit (Genesis I,5): "Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag." Die Messung der Zeit nahm ihren Anfang am vierten Schöpfungstag (Genesis I, 14): "Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre." Und in Genesis I,16 heißt es: "Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne."

Sonne, Mond und Sterne bilden die Uhr am Sternenhimmel. Diese "Himmels-Uhr" gibt die Zeit an. Die von Menschen geschaffenen astronomischen "Kunst- und Schauuhren" wiesen auf die Schöpfung hin und priesen Gott. Keinesfalls stand dahinter ein praktischer Nutzen der Zeitangabe – viel zu groß waren die Abweichungen der Räderuhren gegenüber Sonnenuhren. 

Mit ihrer Pracht sollten Kunst- und Schauuhren Reichtum und Ruhm der Stadt dokumentieren

Reiche Städte wetteiferten um die künstlerisch schönste, astronomisch aufwendigste und in ihren Figurenspielen verblüffendste Uhr. Die Städte bauten ihre Uhren an Rathäusern, Stadttoren oder Uhrtürmen. Der Aufbau aller dieser Uhren ergab sich aus dem christlichen Weltbild des Spätmittelalters. Danach war die Welt in drei Bereiche unterteilt: in die Erde, den vollkommenen Kosmos und das Reich Gottes. Diese Dreiteilung kehrt im Aufbau der Uhren in drei Stockwerken wieder.

Das unterste Stockwerk, gewissermaßen das "Parterre", bezieht sich auf die irdische Welt – es enthält das Kalendarium. Im Mittelbau verkörpern ein bis drei Zifferblätter den "Vollkommenen Kosmos". Mit einem Umlauf der Apostel um Jesus oder einen Umlauf der Heiligen Drei Könige um Maria preist das oberste Stockwerk das "Reich Gottes". Glockenspiele mit Chorälen unterstützten die Andacht der Gläubigen während der Figurenumläufe.

Für die meisten heutigen Betrachter ist das Spiel der Figuren das Wichtigste. Viele kennen jedoch nicht mehr die Botschaften der Figuren: Zu Beginn oder Ende werden die Gläubigen zu einem christlichen Leben ermahnt. Bei der Heilbronner Uhr übernehmen dies zwei Engel. Der rechte bläst mit vergoldeter Posaune die Anzahl der Stunden. Er mahnt an das Jüngste Gericht (1. Thess.4/16): "Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden zuerst auferstehen.“ Damit alle es hören können, wendet sich der Engel rhythmisch nach links und rechts. Der linke Engel zählt die Stunden mit schwenkendem Zepter und Kippen des Stundenglases. Auch dieser Engel wendet sich nach links und rechts, damit es alle sehen. Das Umdrehen des Stundeglases soll an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern. An anderen Uhren wie in Prag übernimmt dies der Gevatter Tod. Mit der einen Hand zieht er an einem Draht und läutet so an der Sterbeglocke die letzte Stunde ein. In der anderen Hand wendet Gevatter Tod das Stundenglas. Auf vielen Uhren thront ein goldener Hahn. Dieser kräht und spreizt die Flügel. Der Hahnenschrei erinnert an die Prophezeiung Jesu (Matth. 26,34):"Wahrlich, ich sage dir, dass du in dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, mich dreimal verleugnen wirst." 


Astronomische Kunst- und Schauuhren entstanden ab dem 15.Jahrhundert. In Abhängigkeit von den Fähigkeiten der Uhrmachermeister, von den Wünschen und finanziellen Möglichkeiten der Stadt- und Kirchenältesten unterscheiden sich die Uhren beträchtlich so zum Beispiel bei der Gestaltung der Zifferblätter. Diese geben die Stellung von Sonne, Mond und Planeten im Tierkreis an. Einige zeigen zusätzlich die Mondphasen



Entscheidend für die Zifferblätter ist, ob der Himmel auf der Uhr feststehen oder sich drehen sollte. Ein feststehender Himmel bedingt einen feststehender Tierkreisring 
Sollte sich der Himmel drehen, muss sich der Tierkreis im Jahreslauf drehen  


Weiterhin war von Belang, ob in der jeweiligen Stadt der "lichte Tag" täglich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in 12 Stunden eingeteilt wurde, wobei sich somit die Dauer einer Stunde von Tag zu Tag änderte, oder ob – wie heute üblich –der Tag das gesamte Jahr über in zwölf stets gleich lange Stunden unterteilt wurde. Hinzu kamen lokale Besonderheiten wie zum Beispiel in Prag. Für Böhmen hatte Kaiser Karl IV. verfügt, dass die Zählung der Stunden – wie in Italien bei Sonnenuntergang mit dem abendlichen Ave-Maria-Gebet beginnt. Dies bedingte einen Stundenring, der sich im Laufe des Jahres etwas vor- und zurückbewegt.

Der Mahnung an ein christliches Leben widerspricht scheinbar die Vielzahl der Angaben für Astrologen. Die Bibel lehnt den Glauben an die Astrologie ab, doch die Astrologie war so verbreitet, dass viele Städte nicht darauf verzichten wollten. Im Dom zu Münster können die Betrachter auf seitlichen Tafeln auch die astrologischen Stunden- und Tagesherrscher ablesen. Am Heilbronner Rathaus zeigt extra ein gesonderter Ring den Tagesregenten an. In der Straßburger Uhr kommt der Tagesherrscher in aller Frühe in einer Kutsche vorgefahren.

Bei später gebauten Uhren gerieten häufig die christlichen Motive gegenüber weltlichen Dingen in den Hintergrund

Welche Uhren die schönsten sind? Das hängt vom persönlichen Geschmack ab. Für mich befinden sich die schönsten astronomischen Kirchenuhren im Straßburger Münster und in der Kirche St. Marien in Rostock. Die schönsten städtischen Uhren sind für mich die an den Rathäusern in Prag und Heilbronn. Und die technisch interessantesten Uhren? Das sind für mich die Uhren in Prag und die im Zytglogge-Turm von Bern. Bei beiden Uhren kann der Interessierte die Uhrenkammern betreten und die heute noch funktionierende Technik bestaunen. Beim Schwingen der Pendel, beim Klicken der Räder, beim Schlagen der Glocken, beim Zusammenspiel von Auslösestiften, Sperrklinken, Hebeln, Stangen und Seilzügen wird jeder Besucher von Ehrfurcht überwältigt. Die Uhren der frühen Meister sind "Hightech" ihrer Zeit.

Zu allen diesen Uhren und zu den vielen hier nicht erwähnten, lohnt auf Reisen ein Abstecher. Das Erlebnis wird noch größer, wenn Sie sich einer Führung anschließen. Denn die vielen Feinheiten, welche die Meister in ihren Werken versteckt haben, erschließen sich nicht von selbst. Noch eines ist wichtig: Kommen Sie rechtzeitig! Bei jeder Uhr beginnt das Schauspiel nicht 12 Uhr, sondern mit dem ersten Glockenschlag 12 Uhr endet es.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Reise zu einer der Uhren.

Klaus Liebers 

Preisfrage: In welchen Städten und an welchen Bauwerken befinden sich die in den Bildern 3 und 4 abgebildeten Uhren? 

 Zur Rezension bitte den Link betätigen.
Dem ersten und zehnten Einsender der richtigen Antworten sende ich mein Buch zu #„In der Schule von Athen. Platon und Aristoteles – seid gegrüßt!“#epubli.  

Zuschriften an: Facebook Klaus Liebers

Bild 1 Uhr im Straßburger Münster. Postkarte.

Bild 2 Uhr in der Kirche St. Marien in Rostock. Foto: M. Schukowski

Bild 3 Foto: K. Liebers

Bild 4 Foto K. Liebers

Bild 5 Rathausuhr in Ochsenfurth.

Foto: K. Liebers  

Keine Kommentare:

Kommentar posten